Vater des Happenings

- Einen Partner anrufen/ eine Minute lang laut/ seinen Puls zählen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7…/ Treffen vereinbaren/ Prozess gemeinsam wiederholen. - Wie kleine Theaterszenen des absurden Alltags, aber auch wie kurze Etüden für Schauspieler lesen sich Allan Kaprows Anweisungen für ein Happening.

 "Uhrwerk" entstand 1973, aber schon Ende der 50er- Jahre erfand gewissermaßen der Amerikaner, der heuer im April gestorben ist, das Happening. Jetzt widmet ihm das Münchner Haus der Kunst eine edel gestaltete Hommage, mit der es Kunstgeschichte auf höchstem Niveau betreibt (Kuratorinnen Stephanie Rosenthal und Eva Meyer-Hermann). Die Schau geht denn auch nach Eindhoven, Bern und Los Angeles. Bei "Happening" denken die Jüngeren: Das war albernes Revoluzzer-Herumgehampel von unseren Eltern; die Älteren denken: Das ist uralte, abgestandene Historie.

Nur die Künstler haben, mal mehr, mal weniger beachtet, diesen Strang der bildenden Kunst am Leben erhalten. So rückten zum Beispiel bei der vergangenen Biennale von Venedig die turbulenten Aktionen von Tino Sehgal und John Bock in den Vordergrund. Und zurzeit tourt Christoph Schlingensief mit seinem Ideen-Konglomerat "Kaprow City" durch die Lande.

Pfiffige Studenten-Arbeiten

Kaprow (1927 in Atlanta geboren) wollte jedoch, anders als sie, kein auf Zuschauer ausgerichtetes "Theater", es ging ihm sehr um Mitwirkung. Das bewiesen von Anfang an seine "18 Happenings in 6 Parts", bei denen es zwar Vortragende (Musiker, Sprecher) gab, aber auch das Publikum eine genau vorgeschriebene Rolle übernehmen musste. Dass Allan Kaprow damit eine ganz und gar flüchtige Kunst schuf, die nicht in die museale Ewigkeit einzugehen vermochte, war ihm egal.

Kunst und Banalität durften ineinander überund aufgehen. Dass sein OEuvre nun das Schicksal einer Ausstellungsreverenz ereilt hat, ist dennoch schön und interessant. Erfordert die Auseinandersetzung mit Kaprows "Partituren" in Tisch-Vitrinen, mit seinen Videofilmen, die großformatig projiziert werden, den filmischen Dokumentationen seiner Happenings einige Geduld, ist der Einstieg in die Schau richtig unterhaltsam -und dabei klug. Studenten der Münchner Kunst-Akademie ( Klassen Jetelová, Pitz und Römer) ließen sich von Kaprows "Words", "Push and Pull" und "Stockroom" inspirieren.

Letztere Installation tastet sich über den Begriff "Lager" in einer Art Lagerraum für Informationen (Zeitungen, Monitore) an Asylbewerberlager heran -nicht tränendrüsig, sondern mit einem knackigen Werbefilm für solche Unterkünfte. "Push and Pull: A Funiture Comedy for Hans Hofmann" (Akademie-Lehrer von Kaprow) ist eine wilde Puppenstube, aufgebläht zu einem Spielplatz für Jung und Alt. Eine Art Feuerwerk gibt’s auch: Wollknäuel werden hochgeschossen, verheddern sich in feinen Fäden unter der Decke. Zu feinen Streifen wiederum verwandeln Sandra Filic, Miriam Shiran und Timur Dizdar "Wörter". Kaprows Handlungsanweisungen klettern die Wände empor, werden gemalt und übermalt; da können die Besucher mittun.

Sie dürfen auch Texte sprechen, die per Computer von geschäftig rasselnden Nadeldruckern hoch über den Köpfen ausgeworfen werden. Gleich anschließend zerschneidet sie säuberlich ein Reißwolf. Ein eleganter, zugleich komischer weißer Zyklus der Vergeblichkeit entsteht: Papierblätter steigen auf, um als Streifen herabzurieseln. Kaprow hätte sich wohl über die jungen Kollegen gefreut. Auch er spitzte kritisch zu, etwa bei Müll- und Auto-Happenings, war lustig bei schrulligen Höflichkeitsritualen oder wunderwirr poetisch. Bei "Trading Dirt" werden am Strand 100 Wassertropfen und Sandkörner eingesammelt -und am nächsten Strand wieder ausgesetzt. Übrigens: Von Kaprow gibt’s sogar richtig gute "Gemälde" aus farbig wuselndem Materialmix zu sehen.

Bis 21. 1. 2007, Tel. 089/ 21 12 71 13.

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