Der Vater als Spitzelmaschine

- "Als ich das Dossier aufschlug, hatte ich sofort die Handschrift meines Vaters erkannt. Im Folgenden veröffentliche ich die Agentenberichte, das, was ich aus ihnen abgeschrieben habe und meine dabei entstandenen Notizen. . . . Ich habe mich beobachtet, wie man ein Tier beobachtet: Wie ich mich in dieser Situation verhalten werde, was ich mache und was mit mir gemacht wird." "Verbesserte Ausgabe", das gerade erschienene neue Buch von Péter Esterházy, erzählt, nein: durchleidet die Qual eines Sohnes, der seinen Vater verliert, durchlebt den Prozess, bei dem ein Sohn einen nunmehr anderen Vater akzeptieren muss.

Ende 1999 und Anfang 2000 stellt der ungarische Autor aus dem großen europäischen Adelsgeschlecht seinen 900 Seiten gewaltigen Historienroman "Harmonia Caelestis" (Berlin Verlag) fertig, in dem seine Familie - mal fiktional, mal real unterfüttert - die tragende Rolle bis hin zum kommunistischen Regime spielt. Ein gewichtiges Werk, das leichtfüßig daherkommt. Geschichte als vielfarbiger Bilderbogen; kein ehernes Epos, das die Welt und ihr Wesen endgültig erklären will, sondern ein Roman als Organismus. Der lebt. Von Esterházy so geschrieben und so zu lesen, als könne er ständig und in all seinen Einzelorganen weiterwachsen - um Episoden, Ereignisse, Etüden, um Freches, Fabuliertes, Fantastisches. Und um Katastrophen: "Verbesserte Ausgabe" beweist das - insbesondere Letzteres.

Im Januar 2000 wird dem Schriftsteller im "Amt für Geschichte", vergleichbar der so genannten Gauck-Behörde, Akteneinsicht gewährt. Das Bild der Esterházys, die stolz auf der Seite der Leidenden standen, zerbricht auf einen Schlag. "Mein Vater war . . . ein kleiner beschissener Spitzel." Der Sohn begegnet der eigenen Enttäuschung, Angst, Scham und Verzweiflung mit den Mitteln des Schriftstellers. Er schreibt die vier Dossiers (1957 bis 1979) seines Vaters, Deckname Csanádi, mehrfach ab und verzeichnet jeweils dazu seine Empfindungen, Erinnerungen, Stellungnahmen von 2000 bis 2002 (die im Buch unterschiedlich gekennzeichnet sind); wird außerdem wegen "Harmonia Caelestis" ständig auf seinen großartigen Vater Mátyás angesprochen.

Péter Esterházy hält dabei, so charmant, witzig und selbstironisch und vor allem Vater-liebend er ist, an seiner diamantharten moralischen Position fest. ". . . , aber ich kann diesen Menschen immer weniger als meinen Vater ansehen. Um Missverständnissen vorzubeugen, ich verleugne ihn nicht, aber in mir beginnen, ich spüre es, diese Spitzelmaschine und mein Vater auseinander zu gehen."

"Meinem Vater können wir nicht verzeihen, da er sich vor uns zu seiner Tat nicht bekannt hat."

Péter Esterházy

Und am Ende des Schmerzensprozesses im Buch (der reale wird andauern) heißt es: "Meinem Vater können wir - wir, Menschen, die er verraten und die er nicht verraten hat - nicht verzeihen, da er sich vor uns zu seiner Tat nicht bekannt und sie nicht bereut hat . . ." Schließlich: "Das Leben meines Vaters ist ein unmittelbarer (und abstoßender) Beweis für die Freiheit des Menschen."

Der Autor erörtert ethische Fragen, setzt zudem als Orientierungspunkte Fakten (Hinrichtungswelle nach dem Ungarn-Aufstand, Chruschtschow, Kennedys Ermordung), reflektiert jedoch in erster Linie seine Haltung und Gefühle. Dabei ist der Sohn, der oft weint, nicht vom Künstler zu trennen. Der weiß, dass auch dieser beispiellose Text, der keine Belletristik sein darf, eine Form braucht. Sie ist es denn auch, mit der Esterhá´zy seinen unbedingten Willen zur Aufrichtigkeit verdeutlicht. Er dokumentiert eisern Erschöpfung, Wut, Tränen, Selbstmitleid (bei ihm als T und S notiert), Eitelkeit, Adelsstolz - und die Tatsache, dass der Dichter nun nicht erfindet (wie bei "Harmonia Caelestis"), sondern berichtet: "Ich, Péter Esterházy, rede hier, geboren am 14. April 1950 . . ."

Mit Imre Kertész liest Esterházy am 27. 4. um 20 Uhr an den Münchner Kammerspielen

"Eine Geschichte - Zwei Geschichten".

Péter Esterhazy: "Verbesserte Ausgabe".

Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki.

Berlin Verlag, Berlin. 371 Seiten, 22 Euro.

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 Péter Esterhazy: "Verbesserte Ausgabe"

 

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