Vater zweier Söhne

- Merkwürdig lang haben sich die Verhandlungen hingezogen, aber vor wenigen Tagen war der Vertrag endlich unterschriftsreif: In genau einem Jahr wird Mariss Jansons (59) das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks als Chefdirigent übernehmen. Jansons, der aus Riga stammt, leitete über 20 Jahre lang die Philharmoniker in Oslo und derzeit noch das Pittsburgh Symphony Orchestra. Der BR wird sich den Star offenbar mit Amsterdam teilen müssen: Auch das Concertgebouw-Orchester steht vor einer Vereinbarung mit ihm.

<P></P><P>Sie wollen für die BR-Symphoniker einen eigenen Konzertsaal. Warum?<BR>Jansons: Das ist eines meiner wichtigsten Anliegen. Ein solches Orchester muss einen eigenen Saal haben, der Gasteig gehört irgendwie nicht zum Ensemble. Die Termine, die übrig bleiben, kriegen wir - das kann nicht so weitergehen. Das ist doch so, als ob man sagt: Ich wohne bei meinen Freunden. Außerdem ist der Herkulessaal zu klein, und viele Besucher scheinen ihn auch wegen seines ungemütlichen Ambientes nicht zu mögen. Aber ich muss noch viel kennen lernen in dieser Stadt, genauer analysieren.<BR><BR>Zum Beispiel?<BR>Jansons: Man sagte mir, das Orchester spielt nur 16 Wochen Abonnementkonzerte. Das ist eigentlich nicht viel. Die Berliner Philharmoniker haben pro Saison, inklusive der Tourneen natürlich, 150 Konzerte. Wir brauchen auch neues, junges Publikum. Ich will nicht die traditionelle Zuhörer-Basis des Orchesters verlieren, aber wir müssen zusätzlich andere Schichten ansprechen. Bei einem neuen Saal wäre die Disposition für ein solches, reichhaltiges Programm viel einfacher. Wir sollten die Initiative ergreifen und gerade auf junge Leute zugehen. Vor allem im Marketing muss da viel verbessert werden. Wir können nicht unsere Arme verschränken und sagen: "Wir sind der BR, das reicht."<BR><BR>Und wer soll den Saal bezahlen?<BR>Jansons: Der Rundfunk kann das nicht allein. Es freut mich, dass auch der Bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser dieses Projekt möchte. Ich habe 20 Jahre lang in Oslo mit Politikern zum Teil hart gekämpft. Nun hoffe ich, dass die Verantwortlichen in München, einer großen Kulturmetropole, die Stellung und Tradition dieses Orchesters begreifen und einsehen, dass der Saal notwendig ist.<BR><BR>Welche musikalischen Projekte wollen Sie präsentieren?<BR>Jansons: Meine Vorgänger haben fantastische Arbeit vollbracht. Ich kann also nicht kommen und sagen: Alles wird anders. Außerdem müssen mich die Leute erst kennen lernen und mir vertrauen, ich habe bislang wenig in München dirigiert. Ich hörte, das Publikum sei eher konservativ. Und eine vorhandene, bewährte Tradition können wir nicht durch eine Revolution umstürzen - auch aus wirtschaftlichen Gründen.<BR> Was ich schon weiß: Die weltbesten Spitzendirigenten müssen hier arbeiten, weil dieses Orchester auf dem höchstem Niveau spielt. Ich möchte auch gerne Oper dirigieren, konzertante und szenische Projekte. In meiner ersten Zeit will ich außerdem Haydns "Londoner Symphonien" komplett aufführen. Die BR-Symphoniker müssen auch auf Tourneen gehen, in den wichtigen Musikzentren präsent sein. Alle sollen wissen: Es gibt die Berliner und Wiener Philharmoniker, es gibt London, Concertgebouw, aber es gibt auch die BR-Symphoniker.<BR><BR>Damit fiel ja das passende Wort: Werden Sie zusätzlich das Concertgebouw-Orchester übernehmen?<BR>Jansons: Es gibt Verhandlungen, sogar noch mit einem dritten Orchester, dem ich aber wohl absagen werde. Concertgebouw interessiert mich sehr. Ich habe immer zwei Orchester geleitet.<BR><BR>Aber die lagen nicht nur 600 Kilometer auseinander.<BR>Jansons: Kilometer spielen doch keine Rolle. Das Kulturleben verträgt dies. Ich muss eben meine ganze Kraft für das BR-Orchester und das Concertgebouw einsetzen können. Es ist wie bei zwei Söhnen, die beide vom Vater geliebt werden. Wenn ich das kann: Warum sollte ich es dann nicht machen?<BR><BR>Und wenn ein Sohn auf den anderen eifersüchtig wird?<BR>Jansons: Wenn das Orchester fühlt, dass ich mehr nach Amsterdam schiele, dann wären diese Bedenken richtig. Aber ich werde objektiv sein und alles geben. Wenn ich mich an mein Prinzip halte, dann können die Söhne nicht klagen. Ich kenne meine Mentalität, ich tu' alles für die Familie.<BR><BR>Wie oft werden Sie in München dirigieren?<BR>Jansons: Wir haben vereinbart: nicht weniger als zehn Wochen pro Saison. In der ersten Spielzeit werden es sogar zwölf sein. Das Orchester sollte den Chef fühlen, er darf es aber nicht zu oft dirigieren. Wenn das passiert, gewöhnt sich das Publikum an ihn, wird alles "normal". Die Leute wollen auch Gäste erleben. Jewgenij Marinskij, mein Lehrer, leitete 50 Jahre lang das Orchester in St. Petersburg. Und bis zum letzten Tag waren seine Konzerte etwas Besonderes. Wenn man zu viel von einer Speise isst, will man sie irgendwann nicht mehr. Man sollte also hungern.<BR><BR>Sind Sie ein strenger Chef?<BR>Jansons: Ich glaube ja, auch wenn ich Teamarbeit liebe. Für mich ist Qualität am wichtigsten, vielleicht bin ich ein bisschen perfektionistisch. Aber ich verlange auch viel von mir. Der Chef arbeitet schließlich nicht für sich, sondern fürs Orchester.<BR><BR>Wenn sie so viele Pläne haben, dann reichen drei Jahre aber nicht. Ihr Vertrag geht nur bis 2006 . . .<BR>Jansons: Dreijährige Verträge sind jetzt üblich. Ich will nicht nach drei Jahren wieder gehen, das wäre doch dumm und sinnlos. Sicherlich denke ich an eine Fortsetzung, aber es könnte doch sein, auch wenn ich das nicht glaube, dass die Zusammenarbeit nicht funktioniert. Dann muss es die Möglichkeit einer Scheidung geben.<BR><BR>Und wie sieht Ihre Lebensplanung aus? Wie lange wollen Sie Chef, wann möchten Sie "nur" noch freier Dirigent sein?<BR>Jansons: Das hängt davon ab, wie frisch und interessant die Beziehung zu einem Orchester bleibt. Ich weiß, ich bin ein Workoholic, also muss auch die Gesundheit mitspielen. Man sagt, die Lebensjahre zwischen 60 und 70 seien die besten für einen Dirigenten, die möchte ich gern ausnützen in einem kleinen Kreis von Orchestern.<BR><BR>Das Gespräch führte Markus Thiel  </P>

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