Venedig liegt am Salvatorplatz

München - Das Münchner Literaturhaus zeigt die Schau „Wollust des Untergangs“ über Thomas Mann und seine Novelle.

Keine Angst, auch wer nicht die Kunst beherrscht, auf dem Wasser zu wandeln, kommt rein. Obwohl gleich am Eingang das glitzernde, glänzende Wabern am Boden den Eindruck erweckt, man stünde auf schwankendem Grund. Diese Video-Illusion eines sacht bewegten Wasserspiegels, die den Blick auf venezianische Kanäle simulieren soll, eröffnet die Ausstellung „Wollust des Untergangs“ im Münchner Literaturhaus.

Anlass der Schau, die mit ihrer fast hanseatischen Solidität allerdings das Dekadenzversprechen des Titels relativiert, ist der 100. „Geburtstag“ von Thomas Manns „Tod in Venedig“ – einem der bis heute populärsten Werke der Weltliteratur: 1912 wurde die Novelle über einen Großdichter, der sich in einen Knaben verliebt und an Cholera stirbt, in der Literaturzeitschrift „Neue Rundschau“ erstmals veröffentlicht, ehe sie 1913 als Buch erschien.

Als eine Art begehbares Buch präsentiert sich auch diese Ausstellung, dieser Irrgarten aus Bilderfahnen, die von der Decke hängen und historische Foto-Ansichten Venedigs ebenso zeigen wie griechische Götter und schöne Knaben. Dazwischen stehen schwarzglänzende, quasi Gondel-farbene Vitrinen, und Kitschpostkarten-verdächtige Video-Projektionen pastellfarbener Lagunenstadt-Ansichten sorgen für einen Schuss Visconti-Flair. Aber diese Inszenierung aus Enge und Durchblicken evoziert nicht nur das Gassengewirr Venedigs, sondern auch das Labyrinth aus Anspielungen, Motiven und Wiederholungen, das die Struktur von Thomas Manns Text prägt.

Dazu darf man in Reiseführern von 1910 blättern oder einen historischen Prospekt des „Grandhotel des Bains“ auf dem Lido bewundern, das nicht nur Schauplatz der Geschichte ist, sondern in dem auch der Autor selbst standesgemäß residierte auf jener Venedig-Reise von 1911, die ihn zu der Geschichte inspirierte.

Dieser ganze Stimmungszauber, der eine Stadt zwischen „Märchen“ und „Touristenfalle“ (Thomas Mann) vergegenwärtigt, bleibt allerdings dezent genug, um nicht selbst den Gefahren der Entgrenzung zu erliegen, die ja Thema der Novelle sind. Vielmehr bietet die Schau – neben zahlreichen Originaltext-Auszügen – genügend nahrhafte philologische Vollkornkost. Etwa einen Brockhaus aus dem Jahr 1894, aus dem Thomas Mann seine Kenntnisse über die Cholera bezog, die er ausführlich in die Geschichte einfließen ließ.

Wer eine stabile Wirbelsäule hat, kann im Literaturhaus, über die Vitrine gebeugt, den Lexikon-Artikel mit Manns Exzerpten sowie dem Text im Buch vergleichen – um einen Eindruck von der Kunst des „höheren Abschreibens“ zu gewinnen, wie der Schriftsteller dieses Vorgehen nannte. Das ist bekanntlich eine etwas heikle Methode, die allerdings beinahe der Kunst gleicht, auf dem Wasser zu wandeln...

Alexander Altmann

Bis 6. Januar,

Salvatorplatz 1,

Di. bis Fr. 11 bis 19 Uhr, Sa., So. und feiertags 10 bis 18 Uhr. Weitere Informationen – auch  zum  umfangreichen Rahmenprogramm – unter www.literaturhaus-muenchen.de.

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