Venedigs Hühnerhaufen

- Soll der Titelheld doch mit Muse samt holder Kunst glücklich werden - der Mann am Pult macht's wenigstens richtig, lässt sich von Olympia, Antonia und Giulietta aus dem Graben (ver-)führen und zum Jubelsturm auf die Bühne holen. Triumphaler Abschluss für eine verblüffende Aufführung. Denn Achtung, Staatstheater: Dem kleinen Opernwunder von Gut Immling wurde ein weiteres Kapitel hinzugefügt.Dabei bieten "Hoffmanns Erzählungen" von Offenbach harte Regie-Nüsse.

<P>Eine gültige Fassung existiert nicht, das Stück bewegt sich zwischen Groteske, Schwindsucht-Drama, Herzweh-Kammerspiel und chorsatten Massenmomenten. Eszter Szabo, Regie-Debütantin beim Opernfestival unweit Bad Endorfs, schafft es, alle diese Aspekte zu bedienen - und bekommt die Raumverhältnisse in der Reithalle mühelos in den Griff. Die Ungarin hat einen Blick für Bühnen-Aufteilung und -Wirkung, sorgt für raffinierte Lichteffekte und für Publikumsnähe,  indem Chor  und Solisten zuweilen den Mittelgang benutzen. </P><P>Am meisten überrascht die Leichtigkeit der Aufführung</P><P>Am meisten überrascht die Leichtigkeit der Aufführung, die das Werk zurück zu den Wurzeln, zur Opé´ra comique bringt. Doch das Unpathetische, man ahnt es, ist Ergebnis harter Arbeit. Die choreographische Erfahrung Eszter Szabos trägt hier Früchte, ermuntert den opernfremden Festspiel-Chor zu profihafter Präsenz und zu balletthaften Einlagen, die den Gestus der Musik aufnehmen.</P><P>Ein paar Podeste, zwei seitliche Stege, alles in roter, wellblechartiger Verkleidung - das reicht. Und eine kreative Ausstattung, die einfachste Requisiten wirkungsvoll zweckentfremdet: bemalte Hüpfbälle als Riesen-Augäpfel, Antonia als mit Plastikblumen Umrankte, die vom Gärtner-Papa gegossen wird sowie Gummihandschuhe als Kopfbedeckung, die Venedigs Bevölkerung in eine Art Hühnerhaufen verwandelt. Die Akte werden mit Querverweisen verzahnt, zuweilen tauchen Menschen in Schwarz als Todes-Chiffre auf - wofür Eszter Szabo offenbar Dorf-Senioren gewinnen konnte, was den Charakter dieses Immlinger Gesamtkunstwerks unterstreicht.<BR><BR>Laienhaft ist das nie, eine Notlösung schon gar nicht, vielmehr eine gut durchdachte, maßgeschneiderte Produktion, deren Charme man - nach kleiner Eingewöhnungszeit - erliegt. Wohl auch, weil Eszter Szabo Eigenheiten der Sänger für die Rollen zu nutzen versteht. Olympia (Ikumu Mizushima mit gestanzten Tönen) ist die asiatisch Spröde in Buddha-Position, Antonia die herzige Dralle (Wiebke Göetjes offeriert Selbstironie inklusive berückender Sopran-Süße) und Giulietta eine Art frühe Josephine Baker: Titilayo Adedokun spielt ihre Reize als frühere Vize-Miss-America lustvoll aus.<BR><BR>Dazu passt, dass der Hoffmann von Niclas Oettermann ein Getriebener scheint, ein irritierter Loser mit kraftvollem, leicht sperrigem Heldentenor, dem man nicht unbedingt die heiße Nacht mit dem Damen-Trio zutraut, eher einen fruchtbaren Diskurs mit Muse/Niklas, in Gestalt Anna Janiszewskis eine frostige Schöne im gelben Frack, die zu Beginn und im Finale ihr rotes Rapunzel-Haar ins Parkett lässt. Bariton Wolfgang Glashof schultert gekonnt die Last der vier Bösewichter, verschafft ihnen spielfreudig und konditionsstark imponierende Momente.<BR><BR>Die Solisten halten also (fast) Schritt mit dem Regie-Niveau, wobei nicht immer erkenntlich ist, ob Französisch, Russisch oder, so behauptet, die deutsche Übersetzung gesungen wird. Am besten gelingt dies Wiebke Göetjes und den Kollegen von den "Nebenrollen" wie Markus Barth, Stefan Kastner, Winfried Hofinger und Matias Tosi-Socolov.<BR><BR>Musikalische Impulsgeber des Abends sind Heiko Mathias Förster und seine Münchner Symphoniker. Diese straffe, pointierte und rhythmisch prägnante Interpretation hat Biss, verweigert sich dem Sentiment und ergänzt so das Konzept von Eszter Szabo. Bewundernswert, wie Förster den riesigen, mit Theaterneulingen durchsetzten Apparat nicht nur koordiniert, sondern anspornt zu spannenden drei Stunden. Michael Mihatsch vom Kunstministerium hatte in einer Rede daran erinnert, dass den Symphonikern - mangels kommunaler Zuschüsse - die Abwicklung droht. Nach dieser Aufführung müssten Münchens Stadtmütter und -väter ihren Kurs beschämt überdenken.</P><P>Weitere Aufführungen am 5., 17., 19. und 20. Juli, Tel. 0180/ 50 46-654.<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker setzen ihren Bruckner-Zyklus mit der Achten fort. Eine Enttäuschung.
Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Christine Nöstlinger ist gestorben
Die österreichische Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Dies bestätigte am Freitag der Residenz-Verlag in Wien. 
Christine Nöstlinger ist gestorben
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Das ist auch eine kulturpolitische Entscheidung mit Blick auf den Konzertsaal: Mariss Jansons bleibt seinem Orchester ungewöhnlich lang erhalten.
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.