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Mit den Durchhalte-Schlagern sollte dem Volk und den Soldaten während des Zweiten Weltkriegs Mut gemacht werden.

Veranstaltung im NS-Dokuzentrum

Bruno Balz: Das tragische Schicksal von Hitlers Hitschreiber

München - Seine Liedtexte kennt in Deutschland fast jeder, seinen Namen nicht. Um seiner Verfolgung als Homosexueller zu entgehen, schrieb Bruno Balz für das NS-Regime Hits wie „Kann denn Liebe Sünde sein?“. Am Freitag widmet das Münchner NS-Dokuzentrum Balz ein Künstlerporträt.

„Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n“ – wer ergänzt da nicht unweigerlich im Kopf: „Weil ich so stürmisch und so leidenschaftlich bin . . .“? Den Urheber dieser Zeilen, den kennt heuer allerdings kaum jemand. Dabei hat er einige der erfolgreichsten Schlagertexte aller Zeiten verfasst. Hits wie „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“, „Davon geht die Welt nicht unter“ oder „Wir wollen niemals auseinandergehn“ – sie alle Stammen aus der Feder eines einzigen Mannes: Bruno Balz. Im Dritten Reich wurde Balz verfolgt, weil er schwul war. Einzig sein Ruf als begnadeter Liedtexter konnte ihn vor der Deportation retten. Anlässlich der bevorstehenden Einweihung des Denkmals für die verfolgten Homosexuellen in München lädt das NS-Dokuzentrum am Freitagabend um 19 Uhr zu einer Veranstaltung, die sich ganz der Erinnerung an Balz widmet.

Bruno Balz war dabei selbst ein Opfer des NS-Regimes. Wegen seiner Homosexualität wurde er im Dritten Reich verfolgt – und beinahe deportiert. Seine Lieder haben überlebt. 

„Wir erzählen seine Geschichte anhand von projizierten Bildcollagen aus historischen Dokumenten“, sagt die künstlerische Leiterin des Projekts, Gaby dos Santos. „Diese habe ich aus seinem Nachlass bekommen und mit Tonaufzeichnungen von Interviews kombiniert, die ich mit seinem letzten Lebensgefährten gemacht habe.“ Dazu würden Texte rezitiert, die die historischen Hintergründe verdeutlichten. „Es ist ein bisschen Geschichtsunterricht, aber festgemacht an der Vita von Bruno Balz.“

Und diese könnte kaum dramatischer sein. „Balz war homosexuell und sollte eigentlich deportiert werden“, erzählt dos Santos. „Bloß konnten die Nazis keinen finden, der es so drauf hatte wie er – vor allem, zumal man die ganzen jüdischen Textdichter alle schon ins Exil getrieben hatte.“ Also habe man ihn in letzter Minute wieder aus der Haft geholt. „Auch auf die Intervention der berühmten Sängerin Zarah Leander hin.“

Balz avancierte zum erfolgreichsten Schreiber von sogenannten „Durchhalte-Hits“ für die Propaganda-Maschinerie. „Unter dem Eindruck der drohenden Deportation hat er unter anderem die Lieder ,Davon geht die Welt nicht unter‘ und ,Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn‘ getextet“, so dos Santos. Unter der Mutmacher-Oberfläche der Schlager verbirgt sich auf den zweiten Blick eine kleine Rebellion. „Diese Lieder haben eine gewisse Doppelbödigkeit.“ Wenn man Balz’ jeweilige Lebensstationen den Liedern gegenüberstelle, die er zu der Zeit geschrieben habe, werde einem das bewusst. So sei zum Beispiel der Strafgesetz-Paragraf 175, der Homosexualität als „widernatürliche Unzucht“ unter Strafe stellt, von den Nazis brutal umgesetzt worden. „Und dann kommt da einer und textet: ,Kann denn Liebe Sünde sein?‘ – das ist subversiv!“

Das sahen die Alliierten nach Ende des Zweiten Weltkriegs offenbar anders. Nach dem Krieg wurde Balz wieder vor Gericht gestellt. „Diesmal als Verfasser von Nazi-Propaganda“, sagt dos Santos. Um der Verurteilung zu entgehen, musste Balz seine Homosexualität eingestehen – ein Dilemma. „In den 50er-Jahren bestand der Paragraf 175 nämlich immer noch.“ Erst Ende der 1960er Jahre sei er weitgehend außer Kraft gesetzt worden, komplett gestrichen sogar erst 1994. Aber Balz hatte Glück. „Sie haben ihn freigesprochen“, so dos Santos. Ein Überbleibsel blieb ihm jedoch aus der NS-Zeit: Eine Ehefrau. 1936 hatten die Nazis ihn gezwungen, eine Scheinehe einzugehen. „Seine Frau hat sich nie scheiden lassen, und die Fassade bestand immer weiter.“

Immerhin konnte Balz wieder arbeiten. „Er hatte weiterhin große Erfolge“, so dos Santos. „Wenige wissen zum Beispiel, dass Heintjes Erfolgsschlager ,Mama‘ auf einem Text beruht, den Bruno Balz bereits in der Kriegszeit geschrieben hat – die Soldatenmutter hatte eben andere Sorgen.“ Finanziell sei es Balz also gut gegangen. „Später hat er seinen letzten Lebensgefährten Jürgen Draeger kennengelernt“, erzählt dos Santos. „Heute ist Draeger sein Nachlassverwalter.“ Lange Zeit sei Balz noch mit ihm durch die Welt gereist. „Er blieb aber immer jemand, der sich irgendwie im Verborgenen hielt.“

Von Bruno Balz’ Geschichte könne man noch heute lernen. „Sie zeigt, wie nahtlos der Übergang von einer relativ toleranten Gesellschaft wie der Weimarer Republik zu einer Diktatur voller Restriktionen geschehen kann“, sagt Gaby dos Santos. „Unser multimediales Porträt ist deshalb eine sehr dichte, emotionale Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Aber auch eine Warnung für die Zukunft.“

Die Veranstaltung „Bruno Balz – Hitlers geheimer Hitschreiber“ findet am Freitag um 19 Uhr im NS-Dokuzentrum, Brienner Straße 34, statt. Eintritt frei.

Marian Meidel

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