Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Verbeugung vor einem Unbekannten

„Kurfürst Johann Wilhelms Bilder“ heißt die aktuelle Ausstellung in der Alten Pinakothek. Kurfürst wer? Was Bayern ausgerechnet einem Herrscher aus Düsseldorf zu verdanken hat, offenbart die Schau.

Nur leidenschaftliche Forscher der Wittelsbachischen Ahnen-Verzweigungen werden Johann Wilhelm (1658- 1716), jenen Kurfürst aus der Pfälzer Linie des bayerischen Herrschergeschlechts, parat haben. Sicher, in Düsseldorf, seiner einstigen Residenzstadt, ist der Barockfürst präsent, aber in München? In Wirklichkeit ist dieser Sammler und Mäzen in Bayern an zentraler Stelle intensiv und höchstkarätig anwesend: in der Alten Pinakothek, und zwar in Gemälden, die zu den berühmtesten unseres Globus’ gehören. Dass München einen atemberaubenden Bestand an Rubens-Werken besitzt – auch das „Große Jüngste Gericht“ –, dass man ergriffen vor Rembrandts „Passionszyklus“ stehen darf, dass man an Raffael oder Guido Renis Madonnen sein Herz verlieren kann, ist Johann Wilhelms Verdienst.

Mit der Präsentation „Kurfürst Johann Wilhelms Bilder“, der eine zweijährige Forschungsarbeit vorausging, verbeugen sich die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ganz tief vor einem ihrer wichtigsten Patrone. Mit diesem Kraftakt des gesamten Hauses, inklusive Technik, Restaurierung und Fotografie, verabschiedet sich Generaldirektor Reinhold Baumstark angemessen. Er geht im März in Ruhestand (Nachfolger: Klaus Schrenk). Natürlich hat man die Großformate in ihren angestammten, nun wieder rot und grün bespannten Sälen im Obergeschoss der Alten Pinakothek belassen.

Hübsche Plaketten signalisieren jetzt jeweils Johann Wilhelms Preziosen. Für sie hatte er bereits in Düsseldorf eine „Galerie“ errichten lassen. Ein Modell macht das anschaulich. Der Kunstkenner – fast keine seiner Erwerbungen ist in den Jahrhunderten der Bedeutungslosigkeit anheimgefallen – hatte aber auch spezielle Seelenbilder. Diese kleinen Formate wollte er in seinen Privatgemächern um sich haben. Legendär waren diese Kabinette, in denen Bild an Bild hing. Besucher waren zugelassen. Der Degen musste abgelegt, dafür mussten Handschuhe und Pantoffeln angezogen werden. Diese illustren Zimmer wurden rekonstruiert, immerhin besitzt die Alte Pinakothek noch zwei Drittel der schon in der Barockzeit genau registrierten Bestände.

Johann Wilhelms Bruder verlegte nach dessen Tod die Residenz nach Mannheim. Dort hatten die Kabinette einen zweiten Auftritt. Nachdem die bayerischen Wittelsbacher ausgestorben waren, kamen die Pfälzer nach München. Durch die Erbverträge von 1799 und 1806 wanderten die Kunstwerke in die neue Residenz. Ludwig I. ließ ihnen von Klenze ihre jetzige Heimstatt bauen (1836). Genaue Skizzen, die in Mannheim 1731 erstellt wurden, dienten als Vorlage der Rekonstruktion – wobei der Computer kräftig helfen musste, denn der Zeichner hatte die Maßstäblichkeit nicht allzu ernstgenommen.

Die vier Wände mit fünf Bilder-Tableaus konnten fast vollständig zusammengestellt werden. Und so schwelgt der Besucher nun in üppigen Blumenbuketts und zierlichen Familienszenen, in erotisch-antiken Tändeleien und ruhevollen Landschaften. Die Geburt Jesu wird vielfältig und innig abgehandelt an der Wand mit in erster Linie sakralen Darstellungen, die ihr Zentrum in einem bewegenden Schmerzensmann von Carlo Dolci haben. Bauern- und Wirtshausepisoden integrierte Johann Wilhelm genauso wie wahre Wimmelbilder von Schlachten, Frühlingsreigen, Festen oder Kreuz-Tragungen. Es war die Feinmalerei, die den Fürsten in all ihren Facetten faszinierte. Und so finden sich in den Kabinetten Juwelen wie Adam Elsheimers Nachtstücke „Flucht nach Ägypten“ und „Der Brand von Troja“ oder Gerard Terborchs Alltagsbetrachtung („Ein Knabe floht seinen Hund“).

Johann Wilhelm hatte eine Kunst-Spürnase, und er unterstützte gezielt Künstler mit Aufträgen. Einen der Hofmaler, Adriaen van der Werff, würdigt die Alte Pinakothek mit einer Extra-Schau. Gewürdigt wird ebenfalls die ganze JW-Sammlung mit drei Katalogen vom Hirmer Verlag: Ausstellung, Gesamtbestand (je 35 Euro) und ein schöner Nachdruck des barocken „Katalogs“ (25 Euro).

Bis 17. Mai

Tel. 089/23 80 52 16.

von simone dattenberger

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