Verbindung zur Tradition

- "L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe" heißt Hans Werner Henzes (77) neue Oper, die am kommenden Dienstag bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wird. Dieter Dorn inszeniert das arabische Märchen um l'Upupa (deutsch: Wiedehopf) in den Bildern von Jürgen Rose. Während einer Probe sprachen wir mit dem Komponisten, der auch das Libretto schrieb.

<P>Sie nennen Ihre Oper im Untertitel "ein deutsches Lustspiel". Was ist daran deutsch?<BR>Henze: Der Autor ist deutsch, der Komponist und Librettist sind deutsch. Na ja, und dann soll es auch eine Verbindung herstellen zur Tradition: Im deutschen Musik- und Schauspieltheater wurde Arabien oft und gern als Schauplatz herangezogen _ in Mozarts "Entführung", Carl Maria von Webers "Abu Hassan" oder in "Der Barbier von Bagdad" von Peter Cornelius. Und im Schauspiel in Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise".</P><P>Kosmopolitisch verwenden Sie in dieser arabischen Geschichte Suaheli-Zaubersprüche und chinesische Perkussionsinstrumente. Warum keine arabischen?<BR>Henze: Die arabischen Instrumente haben eine andere Stimmung. Die Musik ist auch sehr stark rituell gebunden, sie unterliegt einer anderen musikalischen Denkungsart, auch vom Rhythmischen her. Die chinesischen Instrumente haben mit dem Zirkus zu tun und tauchen immer dann auf, wenn die beiden Clowns, die bösen Söhne, auftreten.</P><P>In Ihrem Arbeitstagebuch zur "L'Upupa" sprechen Sie davon, dass Sie sich beim Komponieren quasi vor sich selbst, vor den zu schnellen Lösungen, hüten mussten.<BR>Henze: Jeder Künstler möchte in seinem nächsten Werk etwas anderes machen, sich selbst übertreffen.</P><P>Immer noch, auch ein Henze?<BR>Henze: Ja, ja. Nun nicht mehr, ich bin ja fast achtzig.</P><P>Gibt es ein Werk danach?<BR>Henze: Nee. Aber Vorschläge und Wünsche, Kompositionsaufträge von einigen großen Orchestern: Berliner Philharmoniker, Concertgebouw, Philadelphia, RAI Turino.</P><P>Existieren in Ihrem Kopf Klangvorstellungen, die immer wieder kommen, obsessive Klänge?<BR>Henze: Es gibt Klangbildungen und Klangerlebnisse, die passieren außerhalb des eigenen schöpferischen Willens. Die stellen sich ein. Auch hier bei den Proben merke ich das. Ich höre mir jetzt eine Musik an, die ich vor drei Jahren erfunden habe. Die hatte ich längst vergessen. Jetzt kommt das nun wieder, und ich weiß gar nicht mehr, woher das kommt.</P><P>Ist die Musik Ihnen fremd?<BR>Henze: Ja.</P><P>Eine Überraschung . . .<BR>Henze: Ich bin nicht überrascht genug. Ich fühle mich bestätigt.</P><P>Sie schreiben in Ihrem Tagebuch, dass Sie früher leichter komponiert haben. Ist der Kreis nun fast ausgeschritten?<BR>Henze (nickt).</P><P>Sie wollen sich nicht selbst zitieren . . .<BR>Henze: Nein, absolut nicht wiederholen.</P><P>Außer Mozarts "Entführung" scheint auch "Die Zauberflöte" nicht weit.<BR>Henze: Sie ist sogar sehr nah, wenn die Prinzessin genau wie Pamina singt "Herr, ich bin zwar Verbrecherin", aber bei mir fortfährt: "Allein die Schuld liegt ganz bei mir."</P><P>Ist es eine Hommage . . .?<BR>Henze: . . . an Mozart und Schikaneder.</P><P>Die Salzburger Uraufführungsmannschaft ist hochkarätig besetzt.<BR>Henze: Alle Sänger kamen perfekt studiert zu den Proben, sie kennen jede Note, jeden Einsatz. Ganz besonders beglückt bin ich auch über die Präsenz von Markus Stenz, der schon "Venus und Adonis" in München und "Das verratene Meer" in Berlin uraufgeführt hat.</P><P>Sie schreiben vom "stählernen Klang" der Wiener Philharmoniker.<BR>Henze: Ja, sie haben ein Stück von mir gespielt, eine Bestellung - "Apassionatamente" -, das für den großen Orchesterapparat geschrieben ist. Da kommen einige Fortissimo-Höhepunkte vor, bei denen man denkt, der Kronleuchter stürzt herunter. Aber bei den Wienern zittert nichts. Es ist sehr stark, sehr laut, aber immer noch zivilisiert. Wunderbar.</P><P>Dringen Sie in "L'Upupa" bis zu diesen Grenzen vor?<BR>Henze: An einigen Stellen schon.</P><P>Gab es während der Proben noch Änderungen an der Partitur?<BR>Henze: Sie ist unberührt seit ihrer Fertigstellung, kein Wort geändert.</P><P>Hängt das mit Ihrer Autorität zusammen, die Partitur als Evangelium . . .<BR>Henze: Mit meiner Professionalität. (Nach einer Weile mit funkelnden Augen:) Dass es keiner wagt, meinen Sie? Nein, nein, ich bin für Argumente technischer Natur immer offen.</P><P>Der Dramaturg Hans-Joachim Ruckhäberle hat Sie darauf aufmerksam gemacht, dass einmal die Zeit nicht stimmt, der Tag-Nacht-Ablauf. Wie haben Sie darauf reagiert?<BR>Henze: Ich habe ein Gewitter geschrieben.</P><P>Es gibt im Stück autobiografische Anklänge. Der Alte wohnt in einem Turm, wie Sie es in Kenia oft taten. Sie nennen sich selbst der Alte. Verkörpert die Upupa die Inspiration, die Schönheit, die flieht und die man immer wieder einfangen muss?<BR>Henze: Ich denke, sie ist eine Möglichkeit, die Einsamkeit abzuwehren. L'Upupa ist der mythische, goldene Vogel der arabischen Welt. Der Bote aus dem Zwischenreich. Sie ist der schönste Vogel, den es gibt, man traut seinen Augen nicht.</P><P>Sie haben einen Wiedehopf in Ihrem Garten in der Nähe von Rom.<BR>Henze: Ein Paar, das in jedem Frühling kommt und nistet.</P><P>In Ihrem Arbeitstagebuch steht ein wunderbarer Satz: "Ein Mensch zu sein, scheint das große Vergnügen, nein, das Größte, das Einzige. Das einzig Erstrebenswerte auf der Welt." Ist man ein Mensch, oder muss man erst einer werden?<BR>Henze: Man muss einer werden. Durch Selbstdisziplin, Achtung vor dem Mitmenschen, vor der Natur und Anerkennung der großen Werke.</P><P>Das Gespräch führte Gabriele Luster</P>

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