S-Bahn-Chaos: Ausfälle auf der Stammstrecke

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Die Verblödung geht munter voran

- "Wie finden Sie meine neue Krawatte?" Zum lindgrünen Jackett, na ja, zumindest gewagt. Handbemalte Seide, ziemlich schrill, nicht unbedingt schön. Für einen berühmten Dichter wie Günter Kunert, der gerade eben 75 geworden und der der Star unter den zur Leipziger Buchmesse angereisten Autoren ist, eher erstaunlich. "Die hat mir eben am Stand eine Frau verkauft", sagt er. Am Stand - das ist der Münchner Hanser-Verlag in Halle 2. Dort hat die obskure Seidenmalerin im Vorbeigehen ihr williges Opfer gefunden.

<P>"Jetzt habe ich Lust auf einen Grappa", schickt der liebenswert-listig blickende, ältere Herr dann unserem Interview voraus. Aber in dem kargen Bistro gibt's nur Piccolo. Also wird der neue Schlips und alles, was es sonst noch zu besprechen gibt, mit Sekt begossen. Vor allem Kunerts wunderbares Buch "Die Botschaft des Hotelzimmers an den Gast", in dem es auch und immer wieder um die eigenen Träume geht.<BR><BR>Was träumte Ihnen letzte Nacht?<BR><BR>Kunert: Das kann ich Ihnen genau sagen, weil ich mich meiner Träume immer gut erinnere. Ich war zusammen mit meiner Frau und einem anderen Ehepaar in Rom. Und habe, was meine Frau hasst, Spaghetti gegessen. Ich wünsche mir immer zu Weihnachten: Mach mir doch mal Spaghetti. Und sie muss es dann machen. Ich könnte von Pasta leben, meine Frau eben leider nicht. Sie ist eine große Kartoffelesserin.<BR><BR>Das Schöne an Ihrem neuen Buch ist, dass derlei Alltäglichkeiten unmittelbar neben sehr ernsten, tiefgehenden Sentenzen stehen. Zum Beispiel das Selbstverständnis der Schriftsteller. Sie schreiben: "Die Schriftsteller haben ihre Funktion als moralische Autoritäten verloren." Waren sie denn jemals im Besitz einer solchen Autorität?<BR><BR>Kunert: Ich glaube nicht. Sie waren früher vielleicht Mahner. Oder Menschen, die auf irgendetwas hinwiesen. Aber verursacht haben sie leider gar nichts. Denken Sie an die Nazi-Zeit. Da gab es so große, wunderbare Autoren, von Kurt Tucholsky bis Thomas Mann. Na und, haben sie was bewirkt? Man könnte sich eine Kugel durch den Kopf jagen. Literatur ändert nichts. Sie ist höchstens dazu da, um die Kultur noch ein bisschen weiter zu erhalten.<BR><BR>Das heißt: Auf lange Sicht keine Kultur mehr?<BR><BR>Kunert: Ja. Durch die so genannten Massenmedien wird die Sprache immer mehr reduziert. Aber die Sprache ist unser Denken. Je weniger wir sprechen können, desto mehr verblöden wir auch. Und die Verblödung geht ja denn auch munter voran. Die Subtilität der Sprache, die uns von Mensch zu Mensch zu einer Verständigung bringen kann, verschwindet. "Ich ficke dich" - na und? Traurig diese Sprache. Aber so ist es.<BR><BR>In Ihrem Buch heißt es: "Ein Schriftsteller muss so schreiben, als sei jedes das letzte Wort, das er jemals in seinem Leben schriebe." Gilt das nur fürs Schreiben?<BR><BR>Kunert: Ja, es gilt nur fürs Schreiben. Weil es dazu zwingt, diffizil sich zu artikulieren. Gerade die Überlegung, wie formuliere ich das, was mich innerlich bewegt - das kann man nur schriftlich machen. Sprechen ist schon eine Vergröberung. Da benutzt man die Standardformeln. In der Ehe zum Beispiel. Sind Sie verheiratet? Ich bin seit 52 Jahren verheiratet. Auch da kommen immer Standardformeln. Anders geht's im Alltag gar nicht.<BR><BR>"Unser Ziel ist das Unterwegssein", schreiben Sie. Wohin sind Sie unterwegs?<BR><BR>Kunert: Ich bin unterwegs im Leben. Ich denke überhaupt nicht an meine Vergangenheit. Ich lebe Tag für Tag. Der Tag ist mein Leben. Und wenn ich eines Tages tot vom Stuhl falle, dann hatte die Welt mich gehabt.<BR><BR>Welche Rolle spielt für Sie der Tod? Sie haben für sich und Ihre Frau bereits eine Grabstelle gekauft.<BR><BR>Kunert: Ja, auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, wo auch meine Eltern liegen. Ich erzähle Ihnen einen jüdischen Witz: Es geht ein armer Mann auf den Friedhof und sieht diese wunderbaren Grabmäler; er schüttelt den Kopf und sagt: "Die Leut' leben!"<BR><BR>Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?<BR><BR>Kunert: Ich glaube nicht daran. Das wäre ja furchtbar. Ich bin froh, dass ich tot bin. Warum ich mir zu Lebzeiten eine Grabstätte gekauft habe? Die jüdischen Friedhöfe werden für die Ewigkeit gemacht.<BR><BR>"Du willst ein Mensch sein? Wie willst du das anstellen, ohne zu versagen?" Wie ist Ihr Idealbild vom Menschen?<BR><BR>Kunert: Es gibt kein Idealbild. Menschen sind Schurken. Auch ich. Man hält sich nur an bestimmte moralische Kriterien, die man nicht verletzen will. Aber: Wie verhält man sich "moralisch"? Das ist immer meine Frage.<BR><BR>"Adieu, Homo sapiens" - das ist Ihr bitteres Fazit. Sie sind sehr deprimiert.<BR><BR>Kunert: Ich bin heiter. Ich bin ein Melancholiker. Jeder Melancholiker ist heiter. Das ist die Balance, die er braucht. Ich bin überhaupt nicht deprimiert: Ich weiß doch, wie's kommt. Wir werden das alle nicht überleben. Soll ich nun deswegen andauernd weinend herumsitzen? Muss es denn immer Menschen geben? Sagen Sie mir einen Grund dafür. Menschen gibt es doch nur, um die Welt total zu ruinieren.<BR><BR>Trotzdem schreiben Sie. Vor allem Lyrik. Doch ein Moment der Hoffnung?<BR><BR>Kunert: Nein. Schreiben, das ist meine Neurose. Das ist ein innerer Zwang. Ich arbeite etwas ab. Die Gedichte sind genau das, worin ich mich verwandle. Mein Gedicht - das bin ich. Ich schreibe nicht für andere. Aber ich sage immer, und das ist bei den Lesungen jeweils mein Erfolg: Ich hoffe auf die Frauen. Die könnten den Untergang noch ein bisschen aufhalten. Die Männer sind schon alle Roboter. Die Frauen sind noch etwas menschlicher.</P><P>Das Interview führte Sabine Dultz<BR>"Man könnte sich eine Kugel durch den Kopf jagen: Literatur ändert nichts.": Schriftsteller Günter Kunert auf der Leipziger Buchmesse. Foto: Ullstein<BR></P>

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