Die verborgenen Leidenschaften

Hinter Münchens Hausfassaden wimmelt es nur so von besonderen Sammlungen. Der Künstler Paul Huf lüftet für Interessierte einige
dieser Geheimnisse.

Wir folgen dem Mann von der Hotellobby in den Keller, durchqueren Flure, um in einer Tiefgarage zu landen. Wir schauen uns um, suchen nach etwas Außergewöhnlichem, ohne genau zu wissen wonach. Der Mann geht weiter, zielstrebig durch die Garage an den parkenden Autos vorbei. Unsere sechsköpfige Gruppe folgt ihm rätselnd, bis er vor einem verschlossenen, unscheinbaren Garagentor stehen bleibt. Wir haben mit ihm ein „Blind Date“. Damit ist eine Verabredung zwischen Menschen gemeint, die sich bis dato nicht getroffen haben und nichts oder nur sehr wenig voneinander wissen. Unser „Date“ heißt Wolf Zweifler und verfügt über irgendeine Sammlung. Mehr weiß keiner von uns. Außerdem wird ein „Blind Date“ meist über Dritte vermittelt.

Der dritte Mann ist der Münchner Künstler und Autor Paul Huf (41). Mit seinem Projekt „Leidenschaften“ öffnet er im Lothringer 13/laden interessierten Menschen die Türen zu besonderen Sammlungen von Privatpersonen. Dafür hat Huf insgesamt zwölf Menschen gefunden, die ihre verborgenen Schatzkammern einmalig zugänglich machen.

Das Spektrum ihrer Leidenschaften reicht von gewaltigen Collections blasphemischer Kunst bis hin zum „wahrscheinlich weltgrößten Clint-Eastwood-Fanmuseum“. Interessierte konnten sich einen Sammler anhand eines Video-Porträts auswählen und ihn in einer kleinen Gruppe besuchen.

Der Clou an dem Projekt: Das Video verrät weder etwas über die Person noch über seine Sammlung. Der kurze Eindruck muss für die Entscheidung genügen. Die Besuche sind nur mit begrenzter Teilnehmerzahl möglich und finden nur einmal pro Sammler statt, „schließlich geben die Sammler ihre Privatsphäre auf“, sagt Paul Huf, der solch ein Projekt bereits 2008 in Frankreich verwirklichte: „Das war damals ein großer Erfolg, aber die Aktion hier in München ist noch extravaganter.“ Dementsprechend sind auch kaum noch Plätze frei: „Ich bin sehr glücklich. Wir sind jetzt schon völlig ausgebucht.“ Huf, seit 15 Jahren in München lebend, erläutert das Konzept von „Leidenschaften“: „Ich erarbeite Kunstkonzepte, in denen sich Geschichten über das Projekt erzählen. Die Besucher entdecken hierbei München neu und erhalten ungeahnte Einblicke.“

Zurück zu unserem „Date“. Die kleine Gruppe hat sich im „laden“ der Lothringer13 (Städtische Kunsthalle) eingefunden, um den noch unbekannten Sammler zu besuchen. Die Reise ins Ungewisse beginnt. In der Tiefgarage steigt die Spannung. Klar ist mittlerweile, dass es sich bei Wolf Zweifler um einen Autosammler handelt. Beim Öffnen des Garagentors verraten die roten Planen mit berühmten Emblemen die Identität der verhüllten Fahrzeuge: Ferrari und Maserati. Insgesamt sechs an der Zahl, in deren Mitte ein großer Schlauch auf eine spezielle Entfeuchtungsanlage hinweist. Momentan besitzt Zweifler 15 Fahrzeuge, zeitweise hatte er bis zu 28 gleichzeitig. Insgesamt waren es mehr als 120 Autos, seit dem er im Alter von 30 Jahren sich seinen ersten Oldtimer kaufte. Die Faszination dieser Karossen resultiert für Wolf Zweifler aus deren „Optik, Technik, Fahrleistungen und Geschichte“.

Doch zu den Sammlern zählt er sich nicht, „sondern zu den Liebhabern. Die Stückzahl ist dafür zu niedrig. Zudem trenne ich mich emotionslos von den Autos, wenn sie mich nicht mehr begeistern“, so der ehemalige Arzt, dem man diese Aussage beim Anblick seines gelben Ferrari 365 GTS/4 „Daytona“ aus dem Jahre 1972 (geschätzter Wert 900 000 Euro, 125 Stück weltweit gebaut) kaum glauben mag. Anfang der 70er-Jahre hatte dieser Wagen einen Preis von 69 000 Mark.

Zu weiteren Kostbarkeiten gehören etwa ein Maserati 3500 GT Vignale Spider (Baujahr 1961) oder ein Ferrari 365 GTC 4 (Baujahr 1972). Es sind nicht die allgemein bekannten Fahrzeuge, die man in der Garage von Wolf Zweifler vorfindet. Das macht das Ganze umso interessanter. Die Gruppe lauscht seinen kompetenten Ausführungen, und bald darauf entwickelt sich ein allgemeines Fachsimpeln sowohl mit dem Sammler als auch untereinander. Selbst diejenigen, die wenig von Autos verstehen, beteiligen sich an der lebhaften Diskussion.

Die Liebe zu Ferrari und Maserati brachte ihn auch zu historischen Rennfahrzeugen aus Maranello und Modena. Dieses Jahr wird er zum elften Mal an der „Mille Miglia“, dem großen Oldtimer-Langstrecken-Straßenrennen durch Italien, teilnehmen. „Es ist tatsächlich eine Leidenschaft, diese Autos zu besitzen, sie zu finden und zu bewegen“, sagt Zweifler, der gleichzeitig eingesteht, dass viele dieser Schönheiten „grauenvoll“ zu fahren seien. Und dass das Sammeln von Oldtimern nur eine sentimentale Neigung wäre, bestreitet er: „Es ist heuchlerisch zu behaupten, dass der Preis eines Fahrzeugs nicht im Vordergrund steht. Bei allen Oldtimertreffen wird ständig über den Markt gesprochen, und der Wert spielt immer eine Rolle.“ Die Restaurierung seines Maserati Vignale war ihm schon 125 000 Euro wert.

Nach mehr als zwei Stunden nimmt die Kälte in der Garage überhand, und die Gruppe bahnt sich ihren Weg zurück durch die engen Flure Richtung Oberfläche. Es stimmt: Man erfährt viel über München und seine verborgenen Geheimnisse und Geschichten. Das Geheimnis hinter dem unscheinbaren braunen Garagentor ist für sechs Menschen gelüftet worden.

Barnabas Szöcs

Informationen: Führungen diesen Samstag und Sonntag sowie 7. März, Anmeldung unter Telefon 0179/ 121 92 91.

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