Die verbotene Tür zum Grauenhaften

- "Abwesend und doch anwesend hat er mich durch meine Kindheit begleitet, in der Trauer der Mutter, den Zweifeln des Vaters, den Andeutungen zwischen den Eltern." Die Rede ist vom großen, 16 Jahre älteren Bruder, dem im Zweiten Weltkrieg beide Beine abgerissen wurden und der im Lazarett in der Ukraine starb. Nach vielen Jahren und immer neuen Anläufen - wie er selbst anmerkt - ist es Uwe Timm gelungen, die verbotene Tür in Blaubarts Burg aufzustoßen. In seinem Buch "Am Beispiel meines Bruders" reflektiert er nicht nur eine Familien-, Kriegs-, dann Nachkriegssituation, sondern auch seine eigene Verflechtung, seinen heutigen Standpunkt. Zu Beginn verweist er auf das Blaubart-Märchen, dessen Schluss, wenn die Mutter vorlas, der kleine Bub aber nicht hören wollte.

<P>"März 21. - Donez - Brückenkopf über den Donez. 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG." Ein Satz aus dem Tagebuch des so vorbildlichen Bruders ("anständig", "tapfer"). Diese Zeile beschäftigt den Schriftsteller-Bruder den ganzen Text hindurch, sie frisst an seiner Seele, bereitet Schmerzen. Überdies war der Große, Blauäugige nicht schlicht bei der Wehrmacht, er war bei der SS-Totenkopfdivision. Uwe Timm muss also einen Satz schreiben wie: "Die Totenkopfdivision war 1939 aus der Wachmannschaft des Dachauer KZ gebildet worden." Er öffnet die Blaubart'sche Tür zum Grauenhaften, bleibt aber trotz heftiger innerer Beteiligung fair. Keine plumpen Anschuldigungen, keine Schönfärberei, eben kein Schweigen mehr ("Tote soll man ruhen lassen", wie die Mutter immer sagte). </P><P>Das Kriegstagebuch des Bruders Karl-Heinz wird offen gelegt (14. 2. 1943 bis 6. 8. '43), kommentiert und verwoben mit Erinnerungen, Analysen, Gedanken, sogar psychosomatischen Reaktionen (extreme Beinschmerzen Uwe Timms). Der Autor stellt dabei zunehmend seine Eltern in den Mittelpunkt, die Generation, die "weggesehen und geschwiegen" hat. Sie hat mehr Schuld als der junge Bursche mit seinem "Fressen für meine MG". Timm lässt den Alten alle Gerechtigkeit angedeihen, insbesondere seiner großartigen Mutter, aber er schont sie auch nicht: "Die Sprache wurde nicht nur von den Tätern öffentlich missbraucht, sondern auch von denen, die von sich selbst sagten, wir sind noch einmal davon gekommen. Sie erschlichen sich so eine Opferrolle." </P><P>Eine Generation, die weggesehen hat</P><P>Diesen Konflikt trug schon der Bub Uwe mit seinem Vater aus, der der eigentliche Kern der Auseinandersetzung, vielleicht des Buches ist. Ein gewandter, gewinnender Mann, der mit viel Hochmut aus dem Ersten Weltkrieg ausschied, im Grunde jedoch ein Verlorener war: keine Ausbildung, kein Geld. Mit einem kleinen Kürschner-Geschäft, das später vor allem die wahrhaft tapfere, wahrhaft anständige Mutter leitete, brachte er die Familie durch. Uwe lernte wie auch sein Bruder das Kürschnerhandwerk. Der Wirtschaftswunder-Wohlstand währte nur kurz, dann wurde die Konkurrenz zu stark. Die Familie verarmte.</P><P>Es ist der intensive Erzähler Uwe Timm, der in kleinen Episoden und Szenen Charakteristika seiner Eltern (aber auch von Nebenfiguren) präzise ausformt, eigene Wesenszüge durch ein typisches Ereignis deutlich macht oder an der immer zurückgesetzten Schwester Hanne Lore ein wenig Wiedergutmachung leistet. Dadurch ist er sehr persönlich, ja intim, erlaubt dem Leser große Nähe, gibt ihm zugleich zu verstehen, dass es um Exemplarisches geht. Kurz: etwas, was es in jeder deutschen Familie gab. </P><P>Uwe Timm: "Am Beispiel meines Bruders".<BR>Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 159 Seiten, 16,90 Euro.</P>

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