Verbotene Liebe

- Mozart und die Moderne - so rückt heuer nicht nur Wien dem Jubilar zu Leibe. Auch die Salzburger Festspiele suchen - vor allem im Konzertbereich - die Auseinandersetzung zeitgenössischer Komponisten mit Mozart. Auf dem Opernsektor waren zwei Uraufführungen geplant: Gekippt wurde die "Don Giovanni"-Paraphrase von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek. Geblieben ist die Reaktion der mittlerweile in Wien lehrenden Komponistin Chaya Czernowin auf Mozarts unvollendetes Singspiel "Zaide" - eine 1779/80 entstandene "Vorstufe" zur "Entführung aus dem Serail".

Als "Zaide - Adama" (hebräisch: Adama = Erde, adam = Mensch, dam = Blut) wurde die Ko-Produktion mit dem Theater Basel bei der Premiere im Salzburger Landestheater eher zwiespältig aufgenommen. Einige Zuschauer flohen, andere zeigten sich verärgert, dass ihr Mozart-Genuss durch neue Klänge gestört wurde.

Wurde er das? Was spontan überraschte, war vielmehr die sensible, geradezu organische Verbindung an den Nahtstellen des zwischen Mozart und Czernowin wechselnden Gesamtwerks. Chaya Czernowin schafft gleitende Übergänge, ohne sich anzubiedern, wagt wenige, eindrucksvolle Überschneidungen und einen Ensemble-Moment (alle Sänger, beide Orchester), der im Stillstand gipfelt. Zwei Dirigenten arbeiten mühelos Hand in Hand: Ivor Bolton und das Mozarteum-Orchester sind für Mozart zuständig und musizieren im hochgefahrenen Orchestergraben. Das ist akustisch nicht optimal, denn der Mozart-Klang ist arg trocken, zu direkt und derb und entwickelt zu wenig Körper.

Eine fast erdrückende Last für Mozart

Johannes Kalitzke, Fachmann in Sachen Moderne, agiert mit dem Österreichischen Ensemble für Neue Musik auf der Bühne. Hinter einer hohen Flügeltür, die Christian Schmidts lichten, mit überdimensioniertem Fenster und Heizkörper ausgestatteten Raum abschließt.

Von zwei Klangregisseuren des Freiburger Instrumentalstudios kunstfertig aus dem Off "herausbefördert", gewinnt Czernowins Musik für Streicher, Flöte, Klarinette, Bassklarinette, Posaune und Schlagwerk ihren Klangraum. Trotz (oder gerade wegen) aller Stille, aller Zerbrechlichkeit und Reduktion, mit der die Komponistin ihren "Kontrapunkt" zu Mozart schafft. Dabei fächert sie ein fragiles, breites Geräusch-Spektrum auf, webt minimalistische Repetitionen und verharrt in einer strukturierten Kleinteiligkeit, die Spannung hält und durch die Instrumentierung (Bläser) Farbe bekommt. Dazu korrespondiert ihr "Gesangsstil", der einzelne Worte aus Mozarts Arien oder Melologen aufgreift, hebräische, arabische, deutsche Wörter kombiniert.

Ein politisch hochbrisanter Konflikt

Sie werden geflüstert, gestottert, in Silben zerhackt. Dabei setzt sie durchaus emotionale Steigerungen frei und treibt im zweiten Akt mit einer geradezu gewalttätigen, mechanischen Musik voller wüster Glissandi und brutaler Schläge in eine dramatische Extremregion. Hier endet die zaghaft tastende, fast sprachlose Liebe zwischen einer Frau und einem Mann, zerstört von einem Vater.

Denn diese Liebe darf nicht sein - die Frau ist Israelin, der Mann Palästinenser. Ein politisch hochbrisanter Konflikt also, der der aus Israel stammenden und um Dialog kämpfenden Komponistin am Herzen liegt. Der aber vielleicht doch eine zu schwere, fast erdrückende Last für Mozarts "Zaide" ist. Mit Mozarts Quartett, in dem das Liebespaar Zaide/ Gomatz, unterstützt von Allazim, vor Soliman um Gnade bittet, endet die Aufführung, aus der sich das "Adama"-Ensemble unmerklich herausgeschlichen hat. Kein Happy End.

In der Tat fordert diese Stück-Kombination einen Regisseur enorm heraus. Claus Guth gelingt - nach seinem "Figaro" - mit dieser Inszenierung leider kein zweiter Sensations-Erfolg. Er greift zurück auf eigene Arbeiten und zitiert mit den Video-Überblendungen seine hoch sensible Uraufführungs-Inszenierung von Chaya Czernowins "Pnima" bei der Münchner Biennale. Was damals - das Video zeigte eine Fahrt von München nach Dachau - zu einer beklemmenden Reise nach innen wurde, bleibt jetzt Dekoration: Israelische und palästinensische Straßenszenen siedeln das Paar, das auch einfach "Mann und Frau irgendwo" sein könnte, im Nahen Osten an. Ansonsten agieren die Protagonisten in einem fast klaustrophoben Raum, in dem zunehmend die Männer mit den Schwellköpfen (Soliman, Vater) und die Riesen-Möbel die Paare bedrohen.

Symbolschwere Aktionen und Bilder entpuppen sich oft als doch nur vordergründig und beschweren die Szene. Dass Guth schließlich die große Ensemble-Szene, dieses von einem Klagelaut durchzogene Innehalten, mit einem Asche-Regen überreizt, beweist, wie er im Zuviel Sinn und Halt sucht. Noa Frenkel als Frau, Yaron Windmüller als Mann und Andreas Fischer als Vater prägen "Adama" durch ihre starke Präsenz und machen es den Mozart-Sängern trotz gefälliger Arien nicht leicht. Mojca Erdmann als Zaide klingt arg soubrettig, und aus der männlichen Durchschnitts-Besetzung ragt nur John Mark Ainsley als böser Soliman hervor.

Noch am 19. und 20. 8., Tel. 0042/ 662/ 80 45 500.

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