Das Gen des Verbrechers

- Innenminister können nur davon träumen: Vier Morde zählten die 278 000 Isländer im Jahr 2002, und das war Rekord. Zwei bis drei sind es gewöhnlich. Man ist friedliebend - und erschlägt sich allenfalls im Suff. Dass Morde jetzt häufiger vorkommen, dafür sorgt Arnaldur Indridason. Freilich nur in der Literatur.

<P>Fünf Kommissar-Erlendur-Romane hat er inzwischen geschrieben. Und nachdem Arnaldur - in Island steht man unter dem Vornamen sogar im Telefonbuch - im vergangenen Jahr den skandinavischen Krimipreis "Glasnyckel" erhielt, hat Lübbe die erste deutschsprachige Übersetzung vorgelegt: "Nordermoor", den glänzend erzählten Fall eines ermordeten Mörders und Vergewaltigers.<BR><BR>Eine große Krimitradition könnte man sich von Island erwarten: Unnahbar, düster, gefährlich müssten diese Menschen sein, bei denen es im Winter so lange dunkel ist.<BR><BR>Realistische Geschichten und gute Konversation</P><P>In einer derart einsamen Landschaft. Die wiederum jede Menge Möglichkeiten birgt, eine Leiche verschwinden zu lassen - in heißen Wasserlöchern und Spalten im Lavagestein, in riesigen Gletschern und Einöden. Doch das quicklebendige Völkchen ist nicht melancholischer als jedes andere auch. <BR><BR>Und weil Morde bisher nur "dumm, ekelhaft, grundlos" waren, wollten die Isländer ihren Krimiautoren die Geschichten nicht abnehmen: "Man las englische und amerikanische Taschenbücher. Aber wir haben uns doch sehr verändert, sind jetzt Teil der Weltgemeinschaft. Das hilft uns heute, den Lesern plausibel zu machen, dass sich Kriminalfälle auch in Island ereignen können", sagt der legere Arnaldur. </P><P>Er war Filmkritiker für das "Morgunbladid", ehe er das Risiko einging, einen Krimi zu schreiben und "diese Morde ein wenig komplexer zu machen". Was aber meint Arnaldur, wenn er schwärmt, Island sei ein perfektes Land für Kriminalgeschichten? "Inzwischen", sagt er, "haben wir alles, auch die großen Firmen. Alles kann hier wie überall passieren." Mehr noch: "Nordermoor" kann nur hier passieren, weil eine dieser Firmen das isländische Genforschungszentrum deCode ist.<BR><BR>Seine Daseinsberechtigung diskutierte man äußerst kontrovers, als Arnaldur 1999 an seinem Buch arbeitete. Weil Islands Bevölkerung so homogen sei, weil Stammbäume, das Lieblingshobby der Isländer, bis zu den ersten Siedlern zurückreichten und medizinische Aufzeichnungen existierten, beschwörte der Genforscher Ká´ri Stefá´nsson sein Volk: Es solle sich in einer Gendatenbank erfassen lassen, damit Erbkrankheiten erforscht werden könnten. </P><P>Trotz anhaltender Proteste wurde festgelegt, dass deCode zwölf Jahre lang die Daten kommerziell verwerten darf. Per Einbruch in die Datenbank findet in Arnaldurs Roman der Sohn des Vergewaltigers seinen Vater heraus. Motiviert hat Arnaldur beim Schreiben die Frage: "Wenn es diese Informationsquelle gibt, die alle Familiengeheimnisse birgt - willst Du sie lüften?"<BR><BR>Wie seine Vorbilder Ed McBain und Sjöwall/Walhöö beschreibt Arnaldur in seinen Krimis die Gesellschaft: "Mit realistischen Geschichten und guter Konversation". Auf die Bebilderung mit der großartigen Landschaft hingegen verzichtet er. Dennoch ist der Friedhof in Sandgerdi, wo eine Leiche exhumiert werden muss, keineswegs ein x-beliebiger Gottesacker. Man hat sich vorzustellen, wie hier dem Kommissar der Wind durchs Haar pfeift, untermalt vom nahen Meeresrauschen. </P><P>Sonst weit und breit keine lebendige Menschenseele. Ein sehr einsamer Ort am Rande Europas. Einsam ist auch Erlendur. Und weil Arnaldur den melancholischen Kauz noch nicht gänzlich versteht, wird er ihm weitere Fälle widmen. Im Zusammenhang mit einer Sodamaschine? "Vergangene Weihnachten habe ich eine geschenkt bekommen und sofort überlegen müssen, wie man jemanden damit tötet. Jetzt weiß ich's."</P><P>VON CHRISTINE DILLER</P><P></P><P> </P><P> </P><P>Arnaldur Indridason: "Nordermoor"<BR>Deutsch von Coletta Bürling<BR>Bastei Lübbe, Bergisch-Gladbach<BR>319 Seiten, 6,90 Euro.</P><P align=center>Hier können Sie das Buch über unseren Partner Amazon.de direkt bestellen:<BR>>> Nordermoor bei Amazon.de </P>

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