Verdi für den Bauch

- Vielleicht hätte es ja klappen können. Ein winziger, utopischer, bei Verdi nicht vorgesehener Moment lässt das ahnen: wenn am Ende von Desdemonas "Ave Maria" Otello und seine Frau niederknien und Hand in Hand den überirdischen Klängen lauschen - bis sie sich, zu dunklem Streicherraunen, plötzlich verschmerzt niederkrümmt.

<P>Zu unterschiedlich sind beider Erwartungen, zu groß der Widerspruch in ihrer Beziehung. Er, der sie als Santa Desdemona anbetet, auf dass im zweiten Akt sogar ein goldenes Götzenbild der Gattin angefertigt wird. Und sie, die nichts anderes als einen Normalo braucht und auf die Bitte "un bacio" dem Liebsten zum jungmädchenhaften Kuss in die Arme fliegt.</P><P>Viele solcher intensiven Momente gibt es in Martin Kusejs "Otello", den er, neuer Schauspielchef der Salzburger Festspiele, für die Stuttgarter Staatsoper inszenierte. Eine Produktion ohne alles. Ohne Zypern, ohne stilisierte Kostüme, sogar ohne - endlich einmal - schwarze Hautfarbe. </P><P>Chor und Solisten griffen sich offenbar Bequemes aus privaten Kleiderschränken, die Bühne erinnert an ein japanisches Teehaus, ein Holzrahmenkonstrukt, zwischen dem sich transparente Folien spannen, die, man ahnt es schon, zu den finalen Auftritten zerfetzt werden.</P><P>Und mit "Otello" pur gelingt Martin Kusej, Martin Zehetgruber (Bühne) und Heide Kastler (Kostüme) in vielen Szenen tatsächlich ein emotionales Konzentrat. Ein kraftvolles, auch erotisches, nie illustrierendes Theater, das Charaktere, Motivationen und Konstellationen unter Verzicht auf szenische Krücken plausibel macht. </P><P>Und dazu wirkungsvolle Bilder liefert: die angstvoll zusammengedrängte Menge in der eröffnenden Sturmszene, die grünen Scherben der vom Chor zerdeppterten Weinflaschen, auf denen Otello und Desdemona das Liebesduett singen, auch Jagos visionenhaft verdoppeltes Ich, das im "Credo" plötzlich die Wände hochspaziert. Oder das riesige weiße Tuch, das Emilia über die Bühne breitet und mit dem Otello später die Gattin ersticken wird.</P><P>Hätte der Abend nur bis zur Pause gedauert, Kusej & Co. wäre der Riesenerfolg sicher gewesen. Doch bald schlich sich Beliebigkeit ins Konzept, auch ungewollte Komik. Die Kraft, vier Akte lang spartanische Oper durchzuhalten, hatte Kusej nicht. Seine Grundidee entpuppte sich als Blendmittel: eine Aufführung, die in schwächeren Momenten nur vorgab, ein Wurf zu sein. Christliche Parallelen, die das Programmheft klug erläutert (Desdemona als Engel, Otello als gescheiterter Messias, die inhaltliche Nähe des Stücks zum Verdi-Requiem), kamen kaum über die Rampe. </P><P>Problematisch auch: Desdemona erscheint nach dem Mord wieder auf der Bühne, und Otello deutet den Suizid nur an, geht nach dem Zusammenbruch fast achselzuckend ab. Offenbar ein Versuch, mit verstaubtem "Theater-auf-dem-Theater" zu punkten. Doch warum Zypern diesem Mann huldigt und er dennoch Außenseiter bleibt, das hätte man von Martin Kusej dann doch gern gewusst.</P><P>Aufgefangen werden solche Ernüchterungen von der musikalischen Fraktion. Verdis Opern, dieser Beweis gelingt Stuttgart, lassen sich eben doch adäquat besetzen. Zum Beispiel im Falle der Titelrolle, die ja keinen kultivierten Kammersänger braucht. Und damit in Gabriel Sadé, diesem bulligen, wiewohl verletzlichen Titelhelden mit seinem heldischen, stets etwas ungehobelt klingenden Tenor, einen idealen Darsteller gefunden hat.</P><P>Eva Maria Westbroek, eine hochgewachsene, "moderne" Desdemona, bewegt sich abseits des Klischees. Ihrer Stimme mag lyrische Süße fehlen, doch der herbe, nuanciert eingesetzte, im Piano gut kontrollierte Sopran eröffnet der Partie manch neue Facette. Die säuselnde Passive gibt sie nicht, eher eine anfangs schwärmerische, zunehmend irritierte junge Frau, der man auch die Liaison mit Jago zugetraut hätte.</P><P>Den führt Marco Vratogna als breitbeinigen Macho mit Dauer-Abo im Fitnessstudio vor. Ein Spielmacher zwischen Mephisto und Testosteron-Brutalo, der sich mit grobkörnigem, schmelzfreiem Bariton mühelos in den Mittelpunkt manövriert. Im "Credo" kann er sich zwar kaum akustisch durchsetzen: Was hilft's, wenn unten das Staatsorchester Stuttgart im höchsten Drehzahlbereich tobt.</P><P>Dirigent Nicola Luisotti, in München unter anderem schon in "Tosca" aktiv, lieferte nicht nur in Szene Nummer eins ein klangliches Toscanini-Abziehbild. Kein Sturm, ein Tornado fegte da durchs Haus - und mochte sich drei Stunden lang nicht beruhigen. Verdis Alterspartitur leuchtete oft im grellen Licht, was zwar analytische Klarheit brachte, Lyrismen aber oft zur Atempause vor der nächsten Eruption degradierte.</P><P>Luisottis ruppige, schneidende Deutung lädt nicht zum Hinhören ein, sondern setzt auf die Wucht der Überwältigung. Kein Verdi für den Kopf, sondern für den Bauch, was die Premierengäste mit Ovationen bedachten. Kusej bekam neben Bravi auch Buhs, offenbar Enttäuschte, die zur Pause noch die Sensation herbeijubeln wollten. Provokativ heizte er das Publikum an. Wie überflüssig: Mehr Emotionen gab der Abend nicht her.<BR></P>

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