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Verdi mit Schuhgröße 2400

Die Bregenzer Festspiele rüsten sich für die „Aida“-Premiere im Juli – Ein Baustellen-Besuch

Die Damen bei Tretter, Deichmann oder Salamander müssten wohl bedauernd abwinken: Dieser Kunde hat Schuhgröße 2400 – welches Lager wäre dafür schon gerüstet? Womöglich bleiben die blauen und mit goldenen Sternen verzierten Füße auch deshalb bloß. Sie sind derzeit Blickfang in der Bregenzer Bucht – und zentrales Element der Neuproduktion von Verdis „Aida“, die am 22. Juli Premiere hat.

Schon jetzt setzt bei Ufer-Flaneuren, die auf der Zuschauertribüne ihr Eis schlecken, das große Rätselraten an. Reste eines Riesenschlumpfs? Die poppige Version des Kolosses von Rhodos? Und überhaupt: Kommt der Rest des Körpers eigentlich noch dazu?

Alles falsch. Mit der nagelneuen Bühne, die das „Tosca“-Auge der vergangenen beiden Jahre abgelöst hat, wollen Bühnenbildner Paul Brown und Regisseur Graham Vick auf die New Yorker Freiheitsstatue anspielen – was bei „Aida“, dieser Geschichte über Kriegsgefangene, ja nicht so furchtbar fern liegt. Offen ist indes eine ganz andere Frage: Wie lange braucht man noch den Monsterkran links daneben? „Der bleibt“, sagt Gerd Alfons, Technischer Direktor der Festspiele. Der Kran hilft zwar beim Bühnenbau, ist aber auch Teil der Inszenierung – und bekommt demnächst sogar noch ein Brüderchen. Während der gut zwei Stunden Verdi, so verrät Gerd Alfons, sollen die Kräne Dekorationsteile aus dem Bodensee fischen. „Die Szenerie entsteht quasi während der Aufführung.“

Für die Bregenzer Bühnenbauer, durch Skelette, Bistro-Tische und Feuerwerke gestählt, also eine noch nie dagewesene Erfahrung. Die aber, wenn man Gerd Alfons so erzählen hört, locker weggesteckt wird. Seit 25 Jahren ist er verantwortlich für die technische Seite des weltweit größten Opernspektakels. Die Vokabeln „schwierig“ oder „knifflig“ nimmt er eher ungern in den Mund. Die neue „Aida“ habe nur in einer Sache Kopfzerbrechen bereitet: „Die Bühne ist, anders als bei ,Tosca‘ oder der ,Westside Story‘ dezentral. Es gibt mehrere Spielflächen – und das müssen wir vor allem akustisch in den Griff bekommen.“

Technisch machbar ist also vieles – es muss allerdings bezahlbar sein. Und wenn Gerd Alfons berichtet, wie kalkuliert wird, wie jede Neuinszenierung in mehrere Teilprojekte aufgeteilt wird, auf dass Teuerungen beim einen Teil Einsparungen beim anderen nach sich ziehen können, der ahnt, wie manch Bühnenbildner bei Besprechungen mit ihm ins Schwitzen gerät. „Ich sage immer: Finanzielle Friktionen, also Planungshemmungen, verhelfen uns zu mehr Qualität.“

50 Meter Luftlinie von Gerd Alfons’ Büro entfernt klingt’s zurzeit gar nicht nach großer Oper. Statt Triumphmarsch und Nil-Arie bestimmen Kreissäge und Hammerschläge das Bregenzer Akustikbild. Holztreppen werden mit grauer Farbe auf Stein getrimmt und Styroporteile mit einer zementartigen Masse überzogen und blau getüncht. Der Bühnenboden wurde bereits rutschsicher gemacht: Eine Beimischung von Quarzsand soll verhindern, dass die Sänger auf nieselfeuchter Fläche in den Bodensee glitschen.

Und wer genauer hinschaut, trifft alte Bekannte. Den roten Gitterrost aus dem „Troubadour“ etwa, einen Stahlträger aus der „Westside Story“ oder den hydraulischen Arm, der noch im vergangenen Sommer die Iris des „Tosca“-Auges bewegte. „Wir schmeißen so wenig als möglich weg“, sagt Alexander Balazs, der Bregenzer Chefbühnenmeister. Obwohl sich die Festspiele also alle zwei Jahre eine komplett neue Szenerie leisten und dafür im „Aida“-Fall Produktionskosten von 5,5 Millionen Euro auf sich nehmen, finden sich also im neuen Ambiente immer wieder Reste der Vorgänger-Inszenierungen.

Bis zu 80 Arbeiter sind auf der Bühne beschäftigt. Und auch während der Aufführungen ist ein gut 50-köpfiges technisches Personal dabei. „Wenn was schiefgeht, müssen wir notfalls sofort schweißen“, grinst Balazs. Wie draußen auf der Bühne, wo die Rollen doppelt bis dreifach besetzt sind, gibt es auch dahinter Mehrfachbeschäftigungen. Jener Bärtige, der gerade unterm Schild „Danger. Don’t feed the lake-crew“ einen Holzträger sägt, ist zum Beispiel auch Kranführer: einer von fünf, die dafür ausgebildet wurden, während der „Aida“ à la Angelspiel die Bühnenteile aus den Fluten zu holen. Sie haben den luftigsten Platz – und den gefährlichsten. Denn mehr noch als vom Wasser, sei es durch Regen oder Überflutung, droht jeder Bregenzer Bühne vom Wind die größte Gefahr.

Seit November wird im Bodensee gewerkelt. Auf eine Winterpause wurde verzichtet, alles muss bis zur TÜV-Abnahme im Mai fertig sein. Die Einzelteile sind dabei nicht nur „made in Vorarlberg“: Fünf verschiedene Herkunftsländer arbeiten der neuen Oper zu. Der prominenteste Mitspieler ist auch nicht aus österreichischer Zucht. Denn, da werden die orthodoxen Fans aufatmen: Endlich gibt’s „Aida“ mit Elefant. Kein indischer, kein afrikanischer, sondern ein französischer. Und leider still und stumm – es ist eine Nachbildung.

Markus Thiel

Festspiel-Infos

Die Festspiele dauern vom 22. Juli bis 23. August. Giuseppe Verdis „Aida“ hat am 22. Juli Premiere, im Festspielhaus ist ab 23. Juli Karol Szymanowskys „König Roger“ zu erleben. Darüber hinaus gibt es drei Operetten-Produktionen und eine Reihe von Konzerten. Karten und weitere Informationen unter Tel. 0043/ 5574/ 4076 oder www.bregenzerfestspiele.com.

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