Verdi im Stellungskrieg

München - Sündhaft verharmlost: „Aida“, inszeniert von Christof Nel und dirigiert von Daniele Gatti

Den „Vollstrecker der Rache“ bejubeln sie. Fordern, das „wilde Gesindel“ solle endlich vernichtet werden. Und oben, auf der Plattform des Betonturmes? Werden weiße Fahnen geschwenkt. Wehen friedensstiftend, während unten das Volk geifernd Siege feiert. Nur: Was sich Regisseur Christof Nel als dezenten Zynismus denkt, entfaltet ungewollt ganz andere Wirkung. Da scheint, ausgerechnet im Triumph-Akt, der Zentralszene der „Aida“, eine Produktion um Milde zu flehen. Auf dass die Premierengäste nicht zu hartherzig mit dem Abend umgehen. Doch die lassen ernüchtert die Solo-Vorhänge passieren, ein paar Buhs fallen und die Klappsitze nach oben schnellen. Bloß raus hier.

Immerhin zwei Dinge offenbart diese Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper. Wie schwer der so beliebten wie missverstandenen „Aida“ szenisch beizukommen ist. Und wie unendlich schwer sie auch zu besetzen ist. Ob oben – oder unten im Graben , wo mit Daniele Gatti einer der Hoffnungsträger der Opernszene sein kleines Waterloo erlebt.

Ein Ästhet eben. Einer, der von den knalligen, kantigen, manchmal doch so schön schmutzenden Verdis der Kollegen angewidert scheint. Der für jede Szene seine delikaten Zutaten parat hat, hier ein kleines Solo herausmodelliert, dort Rhythmik mit Streicherfülle polstert – und dabei leider über eine geschmäcklerische Episodenarbeit nicht hinauskommt.

Wo zwei ihre Befindlichkeiten verhandeln, etwa im Duett Aida-Amonasro, da ist Gatti stark. Da lässt er das gut mitgehende Staatsorchester sehr gestisch spielen, den Subtext gleichsam verratend. Und manche Mixturen, etwa die Totenglocken-Akkordik des Finales, gelingen plastisch. Ebenso viele Szenen mit dem um Homogenität und Präzision bemühten Chor. Doch die Gefährlichkeit des Stücks, das Existenzielle? Kann dort nicht zu Klang werden, wo das meiste in kultivierter Puzzelei versandet. Am Ende musste sich Gatti, bis vor kurzem als Münchner GMD gehandelt, heftigen Buhs stellen, hier eine Seltenheit – wenn da mal nicht Nagano-Fans ihre Stimme erhoben haben...

Auf eine für beide wohl unerwartete Weise trifft sich Gatti mit Christof Nel. In einer merkwürdigen Vermengung aus ägyptischem Nah- und asiatischem Fernost spielt diese „Aida“, zwischen hohen, abweisenden Betonwänden. Nel lässt zwar Schwerter recken und Theaterblut tropfen, vor allem am Ende , wo Aida mit aufgeschlitzten Pulsadern in Radames’ Armen stirbt. Aber im Vermeiden aller realistischer Aufgeregtheit, im Versuch, die Figuren mit der bewegungslosen Gefährlichkeit der Chöre zu konfrontieren, gerinnt die Aufführung zum Dia-Vortrag.

Ein kühl arrangiertes, angesichts von Krieg, Versklavung und Hinrichtung sündhaft harmloses Ritual. Chöre und Solisten im Stellungskrieg. Ein Theater, bei dem schon in der Premiere die Spinnweben des jahrelangen Repertoirealltags über die Szene zu wehen scheinen. Bewegung wird an die gemächlich rotierende Drehbühne delegiert oder an eine schwächelnde Choreographie.

Bei aller Enttäuschung über den Abend: Eine Wiederbegegnung mit Kristin Lewis als Aida wäre schon lohnend. Wenn sich ihre Stimme gesetzt hat, ausgeglichener geworden ist. Wenn sie ihr, wie in der nervös verschenkten Nil-Arie, nicht davonflackert. Über Darstellungswillen und einen groß dimensionierten, gut kanalisierten, nicht künstlich verformten Sopran verfügt Kristin Lewis zweifellos. Auch über löbliche Piano-Absichten in hoher Lage. Doch noch scheinen bei ihr mehrere Stimmen gleichsam nebeneinander zu existieren. Eine hervorragende Aida also? Die Prognosen sind günstig.

Salvatore Licitra als Radames fällt eher in die Kategorie „verlässlich“: alle Töne sicher angesteuert, gelegentlich auch um Phrasierungen, Nuancen und Schmelz bemüht, viel Durchsetzungskraft vorhanden. Und doch wirkte Licitra so, als habe man ihn gerade vom Flughafen abgeholt und blank auf die Bühne geschickt. Das internationale Sängerproblem in Sachen Verdi kommt eben diesem Tenore robusto zugute: Wer eigentlich sonst soll den Radames noch stemmen?

Für Giacomo Prestia (Ramphis) und Marco Vratogna (Amonasro) samt ihres grobmotorischen Vokaleinsatzes ließen sich locker Alternativen finden, schwerer für Ekaterina Gubanova. Ihr glückte die intakteste Vokalarbeit des Abends. Eine Amneris ohne Klischees. Kein dämonisch orgelndes Biest, sondern eine lyrisch Liebende, dann wieder dramatisch Enttäuschte, die zur glaubhaften Nebenbuhlerin der Titelheldin wird – und einem schmerzlich vor Augen und Ohren führt, was Nels Nicht-Regie verschenkte. Für Aha-Erlebnisse taugt diese „Aida“ jedenfalls kaum, für unzählige, gut verkaufte Wiederaufnahmen in wechselnden Besetzungen schon. Vielleicht müssen ambitionierte Intendanten ja auch solche Ladenhüter schlucken. Wobei Nikolaus Bachler da offenbar ein Besetzungsdreher unterlaufen ist: Christian Stückl für „Aida“, Christof Nel für „Palestrina“, das wär’s vielleicht gewesen.

MARKUS THIEL

Die Handlung

Ägypten rüstet zum Krieg gegen Äthiopien. Radames darf das Heer kommandieren. Er liebt die äthiopische Sklavin Aida. Ägyptens Königstochter Amneris hat auch ein Auge auf ihn geworfen. Mit der Lüge von Radames’ Tod entlockt sie Aida das Geheimnis. Ägypten siegt, Aidas Vater , König Amonasro, gerät in Gefangenschaft. Ägyptens König bietet Radames die Hand seiner Tochter. Aida will mit Radames fliehen, als Fluchtweg verrät er ihr die Route der Ägypter für den nächsten Überfall. Amonasro belauscht alles. Aida hat ihre Liebe und Radames sein Land verraten. Radames wird lebendig eingemauert – Aida stiehlt sich heimlich zu ihm in das Gewölbe.

Die Besetzung

Dirigent: Daniele Gatti. Regie: Christof Nel. Bühne: Jens Kilian. Kostüme: Ilse Welter-Fuchs. Choreographie: Valentí Rocamora i Torà. Chöre: Andrés Máspero. Darsteller: Ekaterina Gubanova (Amneris), Kristin Lewis (Aida), Salvatore Licitra (Radames), Giacomo Prestia (Ramphis), Marco Vratogna (Amonasro), Christian Van Horn (König) u.a.

  • Weitere Aufführungen: 11., 14., 17., 21. Juni; Telefon: 089/ 2185-1920.

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare