+

Verdis Aida: "Avatar" am Nil

Immling - Oper total und in blauen Ganzkörperstrümpfen: Verdis „Aida“ eröffnete das 15. Opernfestival auf Gut Immling. Hier lesen Sie die Premierenkritik:

Der Feind der Kunst lauert draußen. Entweder man flüchtet vor ihm aus dem Shuttle-Bus mit nassen Hosenbeinen oder Rocksäumen ans rettende Buffet ins Zelt. Oder er hält einen umklammert, wenn man in der Pause die Schönheit einer aufreißenden Wolkenfläche mit Abendsonne über den toskanischen Hügeln bei Bad Endorf bestaunt: Wer will da schon zurück auf den (zugegeben bequemen) Zuschauersessel? Feind Wetter macht hier also den Opernbesuch zum Gemeinschaftserlebnis der zwiefachen Art: als Gesprächsstoff - oder als unschlagbare Konkurrenz zur Inszenierung.

Dabei streckt sich das Festival auf Gut Immling heuer nach der ultimativen Spektakel-Oper. Regisseurin Verena von Kerssenbrock hat sich für Verdis „Aida“ mit dem dicken Konzeptbuch bewaffnet. Keine Elefanten, kein Wüstenspiel am Nil bei der Premiere am Samstag, dafür ein Fest für Cineasten: Die versklavten Äthiopier leiden im blauen Ganzkörperstrumpf als Naturvolk aus James Camerons „Avatar“. Und die Unterdrücker sind böse Zivilisationsbringer zwischen Ku-Klux-Klan-Verschnitt (Priester) und dekadentem Diktator (König), dessen Tochter Amneris als Science-Fiction-Domina Krieger Radames bezirzt.

Wer aufmuckt, dem halten die Schergen des Königs ihre Maschinenpistole unter die Nase. Und beim Triumphmarsch müssen die Blaumänner und -frauen Diktatoren von Mao über Stalin bis Fidel Castro als Pappkameraden durchs Parkett und das davon sehr angetane Publikum ziehen. Von hinten schmettern Aida-Trompeten, mächtig rumpelt die große Trommel, während der Chor phonstark und präzise auftrumpft: Verdi auf Immling, das ist Oper total.

Gerade deshalb hat diese „Aida“ schon Charme - auch weil Verena von Kerssenbrock ihr Konzept durchzieht. Am besten gelingt freilich nicht das Spektakel, sondern anderes: Nach der Pause, wenn die Massenszenen verebbt sind, findet der Abend auf eine ganz intime Weise zu sich. Schon zuvor hatte als poetische Brechung ein blauer Paradiesvogel (Amrei Keul) die Unterjochten umtanzt, mal als Wesen aus der bedrohten Avatar-Welt, mal als Todesbote. Und am Ende entführt er Aida und den zum Avatar gewordenen Radames gen Himmel - also doch ein Happy End.

Noch mehr als sonst imponiert in Immling der Aufwand: die Kostüme (Verena von Kerssenbrock, Antal Büki, Samira Nilius), das funktionale, mit Pyramidenformen spielende Bühnenbild (Claus Hipp), vor allem aber die Leidenschaft von Kinder- und Erwachsenenchor, mit der sich die - durch einige Profis verstärkte - Laien in die Aufführung werfen. Und dennoch: Dass die Regisseurin ihnen rhythmische Bewegungen zur Musik abnötigt, ist eigentlich eine Bühnen-Todsünde. Und das dieses (auch plakative) Kino-Zitieren letztlich nur konventionelle Gesten und Gänge verkleidet, ist ein Problem. Wie viel spannender, lohnender wäre es doch, Sänger pur und geschärfte Figuren-Charaktere zu beobachten.

Auch dass sich Immling, dieses so ganz andere, „handgemachte“ Festival, immer noch einen Tick zu ernst nimmt und selbstironischer sein könnte, trübt den Genuss. Wobei: Die Provisorien verschwinden zusehends. In der Reithalle lässt eine neue Klima-Anlage den frostigen Abend vergessen. Übertitel sorgen für viel mehr Verständnis. Und drüben bietet jetzt ein hohes neues „Kulturzelt“ kulinarische Genüsse, daneben eine überdachte Bus-Station Schutz vor Wolkenbrüchen.

Musikalisch muss sich diese „Aida“ nicht verstecken. Rossana Cardia singt eine Titelheldin mit genauer Linienführung, leicht ansprechendem und sich fast unforciert öffnendem Sopran. Yvonne Fontane mag als Amneris eine Spur zu leicht besetzt sein, ihre vokale Feinzeichnung und ihre Präsenz machen die Königstochter jedoch zur interessantesten Figur. Mario Zhang knöpft sich die Radames-Partie konditionsstark vor, während der 79-jährige Andrzej Saciuk (König) der Einzige ist, der so etwas wie ironische Brechung in die Aufführung bringt.

Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock beeindruckt als souveräne Lotsin des Riesenensembles, eicht die Münchner Symphoniker (abgesehen vom schwerlastigen Triumphakt) auf einen sehnigen, zügigen Verdi. Manch anfangs trudelnde Nummer dürfte noch einrasten - die nächsten Wochen bieten in Immling dafür ja Aufführungen genug.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen

23., 25.6. sowie 3., 7., 9. und 14.7.; Telefon 08055/ 903 40.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare