Veredelter Wirtshaustisch

- Wer hat es als Kind nicht genossen, dass sich auf Knopfdruck eine Giraffe ruckzuck niederstreckt? Und schwups, lässt man den Knopf los, steht das Tier wieder stramm. Christian Engelmann ermöglicht solche Freuden der Mechanik, nun computergesteuert, in der Ausstellung "Favoriten - Neue Kunst in München". Vier Stühle hat er in die Kunsthalle des Lenbachhauses gesetzt. Ab und an legen sich diese wie jene Giraffe flach auf den Boden, Füße und Lehnen schlapp, um sie plötzlich wieder korrekt zu einem Stuhl anzuordnen.

<P>Ein heiteres Spiel mit den Skurrilitäten und Tücken des Alltags, unprätentiös und leicht präsentiert, auch wenn pro Stuhlbein 100 Kilo Zugkraft hergestellt werden müssen.<BR><BR>Lust an Alltagskomik<BR><BR>Das Lenbachhaus-Team hat in den letzten zwei, drei Jahren beobachtet, dass sich in München eine qualitätsvolle Kunstszene entwickelt habe mit einer "sehr optimistischen Stimmung". Nur eine kleine Auswahl könne nun präsentiert werden, beeilt man sich zu sagen, um niemanden zu verprellen. Denn ohne Eifersüchteleien geht's auch in diesen Sphären nicht ab. Neben einigen Etablierteren wie Martin Wöhrl, Michael Sailstorfer, Martin Fengel, oder Florian  Süssmayr,  der kommende Woche eine Einzelschau im Haus der Kunst eröffnet, sind zu entdecken: Hansjörg Dobliar, Heike Döscher, der erwähnte Engelmann, Michael Hackel, Andrea Hanak, Benjamin Heisenberg, Franka Kaßner, Daniel Man, Simon Müller, Jürgen Winderl, Claudia Wieser sowie die Performer/ Filmer Stefanie Trojan und Matthias Görig/ Tobias Yves Zintel, die nur einmal auftreten.<BR><BR>Die Merkwürdigkeiten des Alltags bewegt viele der Künstler. Fengel spürt zum Beispiel auf brillant schimmernden Fotografien Motorradhelme im Wartestand auf und erhebt sie in den Stand edler Stillleben. Mit der Handkamera im Anschlag (Video) und einer Installation, die unversehens Schäbiges Preis gibt, enthüllt Döscher den beschränkt gültigen Luxus von Hotels. Richtig tragikomisch sind Heisenbergs filmische Episoden. Beispielsweise ein tumultöser Ehestreit - den man hört. Zu sehen bekommt man aber einen eng und starr gehaltenen Einblick in ein Wohnzimmer und da vor allem auf den Fernseher: Naturfilm mit Schnabel aufsperrenden Jungen im Vogelnest. Diese Kleinen wären wahrscheinlich auch von Winderls "Vogeljoseph" begeistert, einem selbst gebastelten, mit Röhren gehörnten, fell-verzierten Sputnik. Der brummelt und sprotzt Töne vor sich hin so ver-rückt, wie er selbst ausschaut. <BR><BR>Der andere Schwerpunkt der Schau liegt auf mächtig auftrumpfenden Wandarbeiten. Wieser benutzt eine Ecke des Kunstbaus, füllt den Boden mit Metallfolie, die Wände mit grau schattierten Prismen, die die Moderne von Suprematisten, Futuristen bis Feininger zitieren. Daniel Man hingegen ist verspielt, bunt, kombiniert Holz - zum Teil mit künstlichen Wurm-Gängen - und Malerei, wobei nicht nur diverse Ebenen vertikal vor die Wand geschichtet sind, sondern auch "Bild"-Elemente am Boden in die Halle wuchern. Farbige Bildwelten interessieren auch Müller. Beklebte Flächen werden zu großen Farbfeldern; dazwischen tauchen auf Fotos Ur-Motive der Kunst auf: Mensch, Natur, Kultur.<BR><BR>Natürlich sind die malerischen Positionen - die, lange mit Verachtung gestraft, zurzeit wieder gehätschelt werden - im Kunstbau vertreten. Am überzeugendsten Süssmayrs Wirtshaustisch-Stillleben mit seinem leisen sozialkritischen Sarkasmus gepaart mit einer feinsinnigen Malkultur.</P><P>Von morgen bis 16. Mai, Tel. 089/ 23 33 20 02; leider enthält der Katalog nur wenige der gezeigten Werke.</P>

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