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Queen of Rock: Tina Turner gastiert ab Montag viermal in der Münchner Olympiahalle.

München im Diven-Fieber

Verehrte und versehrte Göttinnen

Ein Diven-Gipfel. Denn am Montag treten Edita Gruberova, Königin des Belcanto, und Tina Turner, Queen of Rock, in München auf. Die Gruberova in der Staatsopern-Premiere von „Lucrezia Borgia“, die Turner in der Olympiahalle. Wobei Diva? Ganz so einfach ist das mit dem Titel nun auch wieder nicht.

Ein kleines Rätsel. „Ich will es für meine Fans tun und, zugegeben, auch ein wenig für mich.“ Und: „Vielleicht ist das egoistisch, ich lechze nach Erfolg – Erfolg ist doch der Sinn unserer Arbeit.“ Wer hat was gesagt? Eben. Denn nicht nur in den Zitaten zeigt sich, dass Tina Turner (erste Äußerung) und Edita Gruberova (zweite) ziemlich viel gemeinsam haben – mal abgesehen natürlich von musikalischen Vorlieben.

Beide haben eines bewiesen: Erfolg, vor allem ein 40-jähriger, hat mit immenser, nie nachlassender Arbeit zu tun – weniger mit Selbstsucht. Mit Arbeit an der Stimme, an der Kondition, vor allem an der eigenen Persönlichkeit. Tiefs waren zu bewältigen, bei Tina Turner offensichtlicher als bei der Gruberova, die ihr Privatleben weitgehend verborgen hält. Für diesen Erfolg werden die Gruberova und die Turner verehrt. So intensiv, dass sämtliche Tickets nicht nur für die „Lucrezia“-Serie, sondern auch für die vier Olympiahallen-Konzerte im Nu ausverkauft waren. Und je länger die beiden im Geschäft sind, desto hysterischer wird die Diven-Verehrung.

Dem normalen Leben entrückt

Ursprünglich war „Diva“ der Titel römischer Kaiserinnen, die postum zu Staatsgottheiten erhoben wurden. Ab dem 19. Jahrhundert waren damit „nur“ noch Kunst-Gottheiten gemeint. Doch warum gerade ab dieser Zeit? „Voraussetzung für die Diva sind Massenmedien“, sagt Barbara Straumann von der Universität Zürich. „Man benötigt vielfach Reproduzierbares wie Bilder und später eben Tonträger.“ Die Literaturwissenschaftlerin untersucht seit vielen Jahren das Phänomen Diva. Mit Elisabeth Bronfen hat sie unter anderem den Prachtband „Diva. Eine Geschichte der Bewunderung“ herausgegeben, der aber bedauerlicherweise vom Münchner Schirmer/Mosel-Verlag nicht wieder aufgelegt wird.

Barbara Straumanns Definition deckt sich zunächst mit der gewöhnlichen Begriffs-Anwendung: Diven wirken über ihre Zeit hinaus, sind authentisch, aber auch der normalen Lebensrealität entrückt und dadurch unnahbar. Eine Eigenschaft freilich dürfte diejenigen überraschen, die jedem weiblichen Promi sofort diesen göttlichen Titel verleihen, denn: „Diven sind vor allem versehrte Stars“, betont Barbara Straumann – egal ob weiblich oder männlich. Entscheidend ist das Verletzbare im oder durch den Ruhm. Jene Wunden durch private oder künstlerische Krisen, die diese Menschen zur „modernen, fast religiösen Märtyrerfigur“ machen. „Im Extremfall sind sie gefährdete Wesen ohne Erdung. Sie stehen auf der Kippe zwischen Himmel und Hölle.“ Und: Die Geschlechterrollen verwischen. Dass Diven oft homosexuelle Jünger um sich scharen, hat viel mit Identifikation zu tun, auch mit der Fantasie von einem besseren, glitzernden Leben. „Schwule Männer haben das Fach der Diva erfunden“, spitzte es Autor Jan Feddersen in der „taz“ zu. „Sie haben Frauen dazu gemacht, die keine Muttis und keine Freundinnen sind, aber Hoffnungsträgerinnen.“

Auf eine ganze Reihe von Stars trifft die Definition von der versehrten Göttin zu. Die Palette reicht von der sich vokal selbst verbrennenden Maria Callas über die an ihrem Leben leidende Schauspielerin Romy Schneider über die todkranke Evita Perón bis hin zu Ludwig II., der seiner Umwelt ein Fremdkörper blieb – und womöglich deshalb, von wem auch immer, ins Jenseits getrieben wurde.

Was zugleich heißt: Diven sind im Doppelsinn eine aussterbende Spezies. Ein zeitgebundenes Phänomen. Folglich eines, das sogar im Widerspruch zu den Instrumenten der heutigen Mediengesellschaft steht. Und auch zum Selbstverständnis der Künstler(innen), die ihren Job immer weniger als himmlische Berufung und immer mehr als bloßen, wenn auch außerordentlichen Beruf begreifen.

Billiger Flitter statt Märtyrertum

Was also dann mit Anna Netrebko oder – an der Untergrenze des Geschmacks – Paris Hilton? Die göttliche Erhebung ist hier der perfekt inszenierten Karriere gewichen. Keine Spur mehr von Märtyrertum, wo alles im Glamour, manchmal auch nur im billigen Flitter schimmert. Die Beweismittel? Man nehme dazu einfach die aktuellen Bilder vom Wiener Opernball (siehe „Menschen“-Seite). „Im Moment stellen wir eine Welle der Celebrity-Kultur fest“, sagt auch Barbara Straumann. „Die klassische Diva gibt es nicht mehr.“

Die ist schließlich auch das Gegenteil von jenen Instant-Karrieren, die gegenwärtig gedrechselt werden. Man höre dazu etwa in die E-Musik hinein, wo à la Nicole Cabell fast alle vier Wochen eine neue Sopranistin über den Klassikmarkt getrieben wird. Ausgenutzt wird hier der Netrebko-Effekt: Viele Konsumenten, das gibt man bei den Plattenfirmen zu, gieren nach neuen Sopranistinnen-Karrieren.

Was also immer entscheidender wird, um sich von all den Starlets, von jenen schnell verpuffenden Feuerwerkskörpern abzuheben, ist vor allem eines: die Länge der Karriere. Oder, um es mit einer Polit-Hülse auszudrücken: die Nachhaltigkeit des Erfolges. Hier sind Edita Gruberova und Tina Turner konkurrenzlos. Aber sind sie damit automatisch auch Diven?

Für den Fan sicherlich, für die Wissenschaft nein. „Beide sind Top-Profis“, sagt Barbara Straumann. „Selbstbewusst, reflektierend und daher in gewisser Weise bodenständig.“ Also keine Diven – sondern? „Ich würde sie einfach als Superstars bezeichnen.“ Ohne Göttliches, aber eben auch ohne offensichtliche Verletzungen, ohne Abstürze, ohne durchgedrehte Lebensphasen. Und das dürfte sich, man führe sich die zweimal 40 Jahre Karriere vor Augen, ohnehin mehr ausgezahlt haben.

von markus thiel

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