Von der Verführbarkeit der Massen

- Es ist das Stück der Stunde. Denn weniger um Rauschebärte und sich teilende Fluten à la "Die zehn Gebote" kreist ja "Moses und Aron", Arnold Schönbergs Oper ist vielmehr packendes Thesentheater. Die Auseinandersetzung zweier Brüder darüber, ob eine Idee durch ihre Umsetzung und Verbildlichung nicht verfälscht wird, so etwas lädt auch den Erstbesucher, der sich eben noch vor Zwölftonmusik gruselte, sofort zum Grübeln ein.

Über die Verführbarkeit der Massen. Über realitätsblinde Dogmatiker. Aber auch über ihre Widersacher, über jene Populisten, die statt Substanz nur noch Ideologie oder Entertainment verkaufen: In Zeiten von RTL II oder "Bild" - sind wir da nicht schon längst Aronisiert?

"O Wort, du Wort, das mir fehlt!"

Moses

Nur verständlich also, dass Sir Peter Jonas zum Abschluss seiner Intendanz und als Premiere bei den Opernfestspielen Schönbergs Drama stemmen ließ. Als ein beziehungsreiches, sehr aktuelles Opus, auch als Leistungsschau seines großen Apparats. Dass er dazu einen alten Kämpen aus Londoner Zeiten und frühen Protagonisten seiner Münchner Ära wieder ans Nationaltheater holte, ist ebenfalls schlüssig. Obwohl Regisseur David Pountney weniger als Filigrantüftler gilt, eher als Grobmotoriker und Kulissenverschieber: Sollte seine Verpflichtung für dieses Stück übers Bilderverbot etwa eine Art letzte Pointe des Intendanten sein?

Pountney öffnet das Füllhorn anfangs nur ein Stück weit. Er zeigt Moses und Aron als im Doppelsinn ineinander verstrickte Zwillingsbrüder. Den oratorischen Gestus des Werks übersetzt er in ein überraschend zurückhaltendes, klares, oft statisches Geschehen vor einer großen gebogenen, akustisch günstigen Wand (Bühne: Raimund Bauer). Der Gegensatz Moses-Aron wird spürbar. Aber auch manche Unschlüssigkeit des Regisseurs, der dann mittels vervielfachter, gar kopfüber spazierender Propheten lieber in die Trickkiste greift.

Erwartungsgemäß brechen die Dämme beim Tanz ums Goldene Kalb, der auf weit aufgerissener Bühne spielt. Doch was bei Peter Konwitschny in Hamburg zur bitterbösen Feier in der Betriebskantine geriet, was bei Jossi Wieler in Stuttgart als szenische Verweigerung gelang, das verpufft in München kläglich. Rhythmische Sportgymnastik für Fortgeschrittene (Choreographie: Beate Vollack), das Wienern von Autoteilen, Punker auf Motorrädern, nackte Frauen, die vor dem Meucheln eine Intimrasur über sich ergehen lassen: Pountney lässt die Theatermaschine auf Houchtouren dampfen - und produziert doch nur Leerlauf.

Ungewollt demonstriert er, dass ein zu wörtliches Umsetzen der wichtigsten Szene, sei dies auch mit "moderner" Ästhetik gewürzt, peinlich oder krampfig wird, kaum jedoch provokativ oder gar erotisch.

Am Ende versucht Pountney die inhaltliche Aufholjagd und wird - etwas unmotiviert - politisch. Der Chor marschiert als uniforme Masse, Moses erdrosselt seinen Wort-Führer Aron. Der Tod aus dem nicht komponierten dritten Akt wird dadurch vorweggenommen. Und Moses' gemeißelter Schlusssatz des zweiten Teils ("O Wort, du Wort, das mir fehlt!"), der sonst das Publikum nachdenklich zu entlassen pflegt, zur lauen Pointe verkleinert.

Bleibt also die Musik. Und ähnlich wie Pountney ist Dirigent Zubin Mehta ja kein kühler Sezierer, sondern Kulinariker. Einer, der sich mit dem hochmotivierten Staatsorchester auf die Suche nach Puccini-hafter Süße machte, nach empfindsamen Passagen, auch nach den Augenblicken "großer Oper" - und solches dann gern ausstellte.

Edle und seelenvolle Passagen drangen da aus dem Graben. Doch blieb Mehta oft zu kompakt, zu wenig prägnant, manchmal auch seltsam impulsarm. Momente wie der Chor "Ein Wunder erfüllt uns", eine zündende Agitprop-Nummer, müssten zum Beispiel rhythmisch viel suggestiver kommen. Überdies wurden Schönbergs raffinierte Schichtungen nicht immer hörbar: Der Gegensatz Gesang/ Sprechen der beiden Brüder findet sich ja auch in den Massen-Ensembles wieder. Aber solche Gleichzeitigkeit ging im Robusten unter, an Stellen also, wo eigentlich klangliche Trennkost gefragt wäre.

Monatelang hatte der Chor der Bayerischen Staatsoper mit seinem Chef André´s Má´spero für dieses Ereignis geprobt - mit hochachtbarem Ergebnis vor allem vor der Pause. Später dann verbreiterte sich der Klang, schlichen sich Diffuses oder Sicherheitsmomente ein - keine Frage, das Stück gehört ja auch zu den schwersten der Opernliteratur. Denn die Massen, nicht die Titelhelden haben hier zentrale Bedeutung, mag das Haus auch solche Kaliber wie John Daszak (Aron) und John Tomlinson (Moses) verpflichtet haben.

Tomlinson, mit der genau notierten Sprechpartie betraut, sang fast zu sehr. Sein Moses ist ein raumfüllender, zuweilen wie besessen zitternder Prophet, der, inspiriert von Stummfilm-Expressivität, mit etwas altertümlichem Pathos über manche Kantilene des Kollegen hinwegwalzte.

Daszak blieb anfangs zurückhaltend, sparte in den Extremhöhen, um nach der Pause umso präsenter und selbstsicherer aufzutreten: ein sehr lyrischer, eher feinsinniger und sympathischer Aron, dem sein verführerisches Timbre gut steht. Nach zweieinhalb Stunden Kraftanstrengung eines imponierenden Ensembles eher matter Beifall inklusive Buhs für Pountney. Ob Moses, der Bilderverweigerer, bei "seiner" Oper vielleicht sogar Recht hätte?

Das Münchner Filmmuseum zeigt Danièle Huillets und Jean-Marie Straubs Kino-Version von "Moses und Aron" am 3. 7. um 19 Uhr.

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