Verführerische Stimme

- 5. November 1963 - der Tag, an dem Muhammad Ali, damals noch Cassius Clay, auf der Pressekonferenz anlässlich seiner Vertragsunterschrift für den Kampf gegen Sonny Liston seinen berühmten Ausspruch tat: "I am the greatest." Vor 40 Jahren; also ein Jubiläum. Heute ist, wie sich gerade auf der Buchmesse zeigte, der 61-Jährige ziemlich verstummt. Aber man kann ja alles noch einmal hören: der Mythos Muhammad Ali in Originalaufnahmen auf CD; erschienen bei Trikont, diesem rührigen und findigen Münchner Verlag mit dem Händchen fürs Besondere.

<P>Viereinhalb Jahre habe man gebraucht, um die Rechte an diesen Aufnahmen zu erwerben, und jetzt alles daran gesetzt, die CD zur Buchmesse fertig zu haben. Dass das parallel zum großen Ali-Buch geschah (wir berichteten), ist Zufall. "Wir haben erst vor ein paar Monaten erfahren, dass es das Buch gibt, und erst vor wenigen Tagen, dass es auf der Messe präsentiert wird", heißt es bei Trikont. Man hat allen Grund zur Freude.</P><P>Wie heuer überhaupt der gesamte Hörbuchbereich sich in vollem Selbstbewusstsein zeigt. Denn: Tendenz steigend. Innerhalb der Buchbranche ist er der einzige Sektor, der weiterhin Wachstum zu verzeichnen hat. Und so ist es nur logisch, dass mit der zunehmenden Bedeutung im Buchhandel auch der Frankfurter Messe-Auftritt an Umfang zunimmt. Erstmals wurde in der Halle 4 ein Forum Hörbuch eingerichtet - Raum für Lesungen, Darbietungen, Diskussionen - und ein Audiopool, an dem sich zehn Unternehmen beteiligen; darunter der Münchner Marktführer "Der HörVerlag" sowie die Hörbuch-Ableger der großen Buchverlage Random House, Lübbe, Ullstein oder Wagenbach.</P><P>Das Epische ist Hörwerk</P><P>Eigentlich ist es erstaunlich, dass die Hörbücher gezielt erst in den letzten zehn Jahren in den Markt vorstoßen. Dabei bietet die Deutsche Grammophon - nie ein Hörbuchverlag - doch schon seit Jahrzehnten Gesprochenes an. Ihr aktueller Hit dürfte eine Kassette mit 20 CDs sein: "Kinski spricht Werke der Weltliteratur". Jede CD ist auch einzeln zu haben. Der Knüller darunter: die bislang verschollen geglaubte Aufnahme "Kinski singt und spricht Brecht". Aber auch das älteste, ausdrücklich als Hörbuchverlag sich verstehende Unternehmen hat bereits 25-jähriges Jubiläum. "steinbach sprechende bücher" - feine, akustisch inszenierte Literatur, in ungekürzter Fassung, auf hohem Niveau. Erich Kästner, Donna Leon und Paulo Coelho als Autoren, unter anderen Hannelore Elsner und Christian Brückner als Sprecher.</P><P>Überhaupt lässt sich in diesem Bereich gut mit großen Schauspieler-Namen Staat machen, wie auch mit den Stimmen der Autoren selbst. Sie sorgen dafür, dass dem Zuhörer das Gefühl der Authentizität vermittelt wird. Wenn beispielsweise George Tabori seine Texte selbst liest, dann muss die Interpretation die richtige sein ("Autodafé´", Wagenbach Verlag). Hinzu kommt der hohe dokumentarische Wert der originalen Stimme; etwa des verstorbenen Klaus Löwitsch' ("Offenbarung und Untergang", Trakl-Gedichte, Eichborn Verlag).</P><P>Natürlich ist die Hörbuchbranche gegenüber dem schier unüberschaubaren Bücher-Angebot ein noch relativ kleiner Bereich und im großen Messetrubel eine Art Oase. Aber das Elitäre wurde bereits aufgegeben. Raus aus der so genannten Nische. Bei den Büchern bekanntermaßen längst unerlässlich, wurde nun auch im Bereich Hörbuch damit begonnen, neben Literatur, neben Geschichten für Kinder und Jugendliche, neben Kabarett und historischen Originalaufnahmen ganz und gar Triviales zu platzieren. Kaum als Buch erschienen, zieren die von Daniel Küblböck selbst gelesenen Erinnerungen "Ich liebe meine Töne" das Hörbuch-Schaufenster von Random House.</P><P>"Das Epische ist Hörwerk weit eher als Lesewerk", sagte Thomas Mann, als 1940 in den USA ein Kapitel aus den "Buddenbrooks" auf Schallplatte erschien. Da dürfen wir an dieser Stelle den Nobelpreisträger ausnahmsweise einmal ergänzen: Manchmal ist es einfach nur Machwerk.</P>

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