Die vergessene Front

- Hindenburg, Ludendorff und Wilhelm Zwo sind in historische Nebelschwaden entrückt und die Zeiten, da sich Historiker über die Kriegsschuldfrage ineinander verkeilten, längst vorbei. Der Erste Weltkrieg spielt in der deutschen Erinnerung kaum eine Rolle. Anders als in Großbritannien und Frankreich hat bei uns der verheerende Krieg, den Hitler 1939 entfesselte, allen Erinnerungsraum okkupiert.

<P>Übrig bleiben nur: Remarques "Im Westen nichts Neues", der Stellungskrieg in den Schützengräben, die russische Oktoberrevolution.<BR><BR>Über 700 Objekte</P><P>Das Deutsche Historische Museum Berlin präsentiert zum 90. Jahrestag des Kriegsbeginns im Pei-Bau eine Schau, die vieles nicht will: Sie will nicht den Krieg nachinszenieren, keine Anlaufstelle für Militaria-Fans werden, keine Gesellschaftsgeschichte bieten. Vor allem aber will sie eines nicht sein: altbacken. Trotz des Titels "Der Weltkrieg 1914-1918. Ereignis und Erinnerung" erfährt man so gut wie nichts über die Ereignis-Ebene, über Schlachtpläne, Frontverläufe, Siege oder Niederlagen. Wer hier Nachholbedarf hat, muss sich an die PC-Stationen wenden.</P><P>Kurator Rainer Rother hat statt des chronologischen einen thematischen, kulturhistorischen Zugriff gewählt. Und aus ganz Europa über 700 Objekte nach Berlin dirigiert. Erstmals - darauf ist er besonders stolz - wurde auch der Krieg im Osten, die "vergessene Front", ausgiebig berücksichtigt. Ein "Prolog" schildert die Ausgangslage im Sommer 1914, als große Teile des Volkes begeistert in den Krieg zogen. Es finden sich Mobilmachungsbefehle, Kriegs-Aufrufe in den Zeitungen, Felduniformen.<BR><BR>Danach gliedert sich die Ausstellung in drei Bereiche: Erfahrung, Neuordnung und Erinnerung. Es sind Details, mit denen gearbeitet wird, Bruchstücke, Erinnerungspartikel, die sich bewusst nie zum "großen Ganzen" fügen. Jeder soll sich seine eigene "Kriegs-Collage" basteln. Der Besucher kann etwa die Perspektive des einfachen Soldaten einnehmen. Sein Brot ist (in Form von Präparaten) ebenso ausgestellt wie Briefe und Liebesgaben. Man sieht Gasmaske, Brustpanzer, Schutzhelm und erschaudert beim Anblick der Waffen: vom Panzer über den Minenwerfer zur Granate.<BR><BR>Die Entscheidungsträger des Krieges werden dagegen nur knapp erwähnt. Der Ausstellung geht es darum, Krieg als Alltagsgeschichte zu erzählen und nicht als Werk "großer Männer". Besonders interessant ist die psychologische Komponente: Soldaten werden gezeigt, die andächtig beten, man erfährt von Frauen im Krieg (an der Front und zu Hause) und von der Mobilmachung gegen innere Feinde, gegen Juden, Pazifisten, Ausländer.<BR><BR>Der Erste Weltkrieg war der erste "totale Krieg". Die Bevölkerung daheim musste Nachschub liefern - und selbst hungern. Dokumentiert wird dies durch Haushaltsbücher und "Traueranzeigen" für Brot. Die Neuordnung nach Kriegsende wurde dann von vielen als Befreiung erlebt, die zur Gründung neuer Staaten führte. Doch je näher man dem Ende der Berliner Ausstellung kommt, desto markanter tönt die Stimme Hitlers, der in der "größten Vollzugsmeldung seines Lebens" den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verkündet.</P><P> Und mit einem Ausblick auf den deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wird der Abschnitt "Neuordnung" beschlossen. Zuletzt reflektiert die ambitionierte Schau das Thema Erinnerung. Auf dem Boden werden Mohnfelder angedeutet: Auf den Schlachtfeldern war Mohn die erste Pflanze, die wieder blühte. Das Titelblatt von Remarques Roman "Im Westen nichts Neues" hängt neben Radierungen von Otto Dix, die von seinen Kriegserfahrungen künden. Dazu der Verweis auf das, was der Erste Weltkrieg heraufbeschwor: Elk Ebers Heroenbild des deutschen Soldaten (1937) - von dem Hitler so begeistert war, dass er sich es kaufte.</P><P>Bis 15. August. Katalog (Edition Minerva): 25 Euro. </P><P>Informationen: www.dhm.de.<BR></P>

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