Vergessene Schätze

- Ein Blick auf seine Diskographie irritiert: Albeniz, Alkan Feinberg, Gnattali, Godowsky, Medtner, Rosvalets. Wer sind all diese Komponisten, denen der franko-kanadische Pianist Marc-André Hamelin so viel Aufmerksamkeit widmet? Und warum tut er das?

<P>Schon als Kind - er begann mit fünf Jahren Klavier zu spielen - kannte er das klassisch-romantische Repertoire gut, denn der Vater, ein Pharmazeut, war selbst ein leidenschaftlicher und guter Klavierspieler. "Als ich zehn war, ging ich mit meinem Taschengeld in den Plattenläden auf die Suche und entdeckte neue Welten: Stockhausen, Cage, Boulez. Aber in meinen Zwanzigern wandte ich mich dann wieder etwas zurück." So landete Hamelin, der natürlich vieles aus dem klassischen Bereich spielte und spielt, auch ein bisschen Barock und hin und wieder Moderne, schließlich im späten 19. Jahrhundert. Hier fand er unzählige vergessene Schätze und konnte damit auch bei seinem Plattenlabel, Hyperion, punkten, das von ihm eben nicht das normale Repertoire haben wollte.<BR><BR>Aber natürlich weiß der Pianist, dass er das Publikum nicht mit zuviel Unbekanntem schrecken darf. Deshalb setzte er auf eine gute Mischung. Mittlerweile hat sich Hamelin, der nie zu den mit lärmenden Werbekampagnen gepushten Blitzkarrieristen seines Fachs zählte, längst vom Geheimtipp unter Fachleuten zum bewunderten Interpreten der Klavierfans entwickelt. Und kann es riskieren, seinen heutigen Münchner Klavierabend (20 Uhr im Herkulessaal) ganz Isaac Albeniz "Iberia" (12 Stücke in vier Bänden) zu widmen. "Ich hatte diese Stücke schon lange im Hinterkopf, und als vor etwa sechs Jahren eine Urtext-Ausgabe in Spanien und ein Faksimile erschienen, war es mir endlich möglich, richtig in diese Welt einzudringen", freut sich der sympathisch-bescheidene Musiker. Für ihn ist die selten gespielte Sammlung "die schönste spanische Musik für das Klavier".<BR><BR>Albeniz war, wie etliche Komponisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, selbst Pianist. "Natürlich merkt man diesen Stücken an, dass ihr Schöpfer das Klavier gut kannte. Aber es gibt auch wundervolle Klaviermusik von nicht Klavier spielenden Meistern, wie etwa Janá´cek. Er eröffnet so tiefe Gefühlswelten in seiner Musik, da spricht man dann nicht mehr darüber, ob das für einen Pianisten bequem zu spielen ist." Wenn Hamelin mit ungebremster (Entdecker-)Lust an den Rändern des Repertoires grast, dann tut er das nicht zum eigenen Ruhm. "Ich möchte auch die Kollegen dazu ermuntern und ihnen zeigen, dass es funktioniert. Das Repertoire ist beinahe unbegrenzt", strahlt er.<BR><BR>Das Publikum überraschen</P><P>Und so findet er immer wieder etwas, womit er das Publikum überraschen kann - "es will doch nicht ständig Waldstein- und Mondschein-Sonate oder die Bilder einer Ausstellung hören".<BR><BR>Mit zeitgenössischer Musik beschäftigt sich Hamelin selten. "Es gibt zweifellos Interessantes, aber man muss sehr viel Zeit für das Studium investieren. Und mein Herz schlägt mehr für die Vergangenheit."<BR><BR>Wenn Hamelin selbst zur Feder greift - "meine Pianistenkarriere erlaubt es zeitlich kaum noch" - dann klingt es meistens tonal, zuweilen aber auch atonal. Wenn er zusammen mit seiner amerikanischen Frau, der Sängerin Jody Applebaum, aufs Podium steigt, dann geht es sehr deutsch zu: Die beiden lieben Friedrich Hollaenders Brettl-Lieder und haben sogar eine CD damit aufgenommen. Und wer Marc-André´ Hamelin unbedingt mit Beethoven hören will, der hat im Mai Gelegenheit dazu. Dann nämlich spielt er bei den Schwetzinger Schlossfestspielen die drei letzten Sonaten Opus 109, 110 und 111 - eine pianistische Herausforderung - auch für ihn.<BR><BR></P><P> </P>

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