Die vergessene Tragödie

München - Der Konkurrent von Richard Strauss: Die Bayerische Theaterakademie widmet sich „Salomé“ von Antoine Mariotte. Am Freitag ist Premiere.

Den lüsternen Stiefvater kennt man. Die von der moralischen Spur abgekommene junge Dame auch. Und den enthaltsamen Propheten, den sie so sehr begehrt und dessen Kopf sie fordert für einen Kuss, ebenfalls. Doch wenn Herodes, Salome und Jochanaan singen, klingt das anders als gewohnt. Nicht so exaltiert, expressiv, wie unter einer satten Dosis aufputschender Mittel, sondern delikater, in gedeckten Farben schillernd.

Die Musik ist ja auch nicht von Richard Strauss, sondern von Antoine Mariotte (1875 – 1944), und seine Figuren heißen Salomé, Hérode und Iokanaan. Der Franzose spielt heute keine Rolle mehr im Musikleben, seine „Salomé“ erst recht nicht. Zu Strauss’ 150. Geburtstag erlaubt sich die Bayerische Theaterakademie also eine Pointe: Sie widmet sich mit einer Produktion im Prinzregententheater der anderen, der vergessenen Oper über die Prinzessin von Judäa, Premiere ist am kommenden Freitag.

Um ein Haar hätte die Musikwelt überhaupt keine Notiz von „Salomé“ nehmen können. Mariotte, der aus Avignon stammt, zur Marine ging und sich dann mehr schlecht als recht als Komponist durchschlug, war von Oscar Wildes gleichnamigem Drama begeistert und vertonte es – wie Richard Strauss. Letzterer hatte sich, was Mariotte nicht ahnte, mit seinem Verlag Fürstner listigerweise die Verwertungsrechte an Wildes Text gesichert. Strauss hatte trotzdem nichts gegen Mariottes Ansinnen, der Verlag schon. Die Einigung: Nur in einer einzigen Saison, 1908 in Lyon war das, durfte „Salomé“ gespielt werden. Als der Verlag später die Rechte freigab, kam es zu einigen Aufführungen. Doch gegen den Strauss’schen Welterfolg hatte und hat Mariotte bis heute keine Chance – auch wenn (wie vor zehn Jahren Neustrelitz) einzelne Häuser das Stück stemmen.

Woran lag’s also, dass sich Mariottes Version nicht durchsetzen konnte? An einer eventuellen minderen Qualität – oder an der Übermacht von Strauss? „Strauss ist schuld, da sind wir uns alle einig“, sagt Ulf Schirmer. „Denn ,Salomé‘ ist wirklich ein sehr hörenswertes Stück.“ Schirmer dirigiert die Münchner Erstaufführung, im Graben des Prinzregententheaters sitzt sein Münchner Rundfunkorchester. Mariottes Musik, so findet Schirmer, zeichne sich durch „ungeheure Eleganz in der Klangfarben-Behandlung“ aus. Das habe auch mit der Orchesterbesetzung zu tun: „Die französischen Instrumente hatten damals einen schlankeren Ton. Entsprechend mussten wir gegensteuern und in der Partitur für unser Orchester einige Anpassungen vornehmen.“

Eine „Nerven-Polyphonie“ wie bei Strauss, eine komplexe Harmonie, den schnellen Wechsel in Klang und Rhythmus, das gebe es hier nicht, sagt Schirmer. Mariotte arbeite zwar mit Leitmotiven wie Wagner. Aber diese Technik sei reduzierter, der Fundus an Motiven viel überschaubarer, der Wiedererkennungswert dadurch höher. „Mariotte stellt einen Motiv-Komplex richtiggehend aus. Er macht es sich dabei ein wenig schwer durch das ständige Wiederauftürmen und neu Anfangen, das muss man in der Interpretation auffangen. Und wenn die Konflikte groß werden, dann wird’s in der Musik auch ein bissl deutsch.“

Die Inszenierung der „Salomé“ besorgt Balázs Kovalik. An der Bayerischen Staatsoper hat er im Jahr 2010 die Uraufführung der „Tragödie des Teufels“ von Peter Eötvös übernommen, an der Theaterakademie schon drei Produktionen. Für das Mariotte-Drama ließ er sich von seinem Bühnenbildner Csaba Antal eine monumentale Treppenlandschaft auf die Bühne des Prinzregententheaters stellen.

Mittlerweile ist es ja guter Brauch an der Theaterakademie, dass die Nachwuchskräfte mit Schirmer und dem Rundfunkorchester zusammenarbeiten. Sieben Produktionen gab es bislang, kaum ein Opern-Hit ist darunter. Doch das ist Programm: Den 20. „Figaro“ will man den Opernfreunden nicht vorsetzen, dafür, so das Credo, gibt es National- und Gärtnerplatztheater. Ohnehin stellt Ulf Schirmer mit Blick auf das immer gleiche Repertoire eine „gewisse Sattheit“ fest. Dies sei „ein Ausdruck geistigen Mittelmaßes“. Man müsse sich immer klar sein, dass es eine verschwenderische Fülle an Kunst gibt, die zum Teil „durch fürchterliche Eingriffe“ aus unserem Blickfeld gerückt worden sei. „Und im Falle der ,Salomé‘ war das eben der Geschäftssinn des Verlegers Fürstner.“

Markus Thiel

Premiere

am kommenden Freitag, weitere Aufführungen am

6., 8. und 11. März;

Telefon 089/ 2185-2899

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