Zu oft vergewaltigt

- Groß, blond und klug jagt Charlize Theron nicht wenigen Männern Angst ein. Mit 28 Jahren hat die geborene Südafrikanerin es in wenigen Jahren zum Star geschafft, vorzugsweise in der Rolle einer Femme fatale. Auf der Berlinale war sie in der Rolle der 2002 hingerichteten vielfachen Mörderin Aileen Wuornos zu sehen - ein Auftritt, der ihr prompt eine Oscarnominierung für "Monster" einbrachte.

<P>Was interessierte Sie an dieser Person?<BR>Theron: Die meisten Frauenrollen im Kino folgen dem Madonna-Hure-Schema. Männer bekommen Rollen, die komplex und grau sind, nicht nur schwarzweiß. Die Figur Aileen ist eine Ausnahme: Als ich mit der Arbeit fertig war, wusste ich noch immer nicht, was ich genau von ihr halten sollte. Aber diese Gestalten gehören natürlich zum Attraktivsten in einer Schauspielerkarriere. </P><P>Haben Sie in der Wahl Ihrer Rollen ein Konzept verfolgt? <BR>Theron: Nein, ich bin nicht der Typ für Fünfjahrespläne. Man muss nehmen, was angeboten wird.</P><P>Als Star scheinen Sie nichts mit dieser Mörderin gemeinsam zu haben. Mit welchem Aspekt des Charakters von Aileen konnten Sie sich am stärksten identifizieren? <BR>Theron: Wir alle haben einen Überlebensinstinkt. Manche gehen damit besser um als andere. Aileen ist durch viele kleine Tragödien gegangen. Aber sie hat sich nie herausgeredet, sie hat auch im Prozess nie versucht, sich anders darzustellen, als sie war. Sie wollte kein Mitleid. Das ist der Charakterzug eines starken Menschen, eines Überlebenskünstlers. Hier kann ich Verbindungen finden. Denn auch ich habe Tragödien erlebt (als Theron ein Teenager war, tötete ihre Mutter den Vater in Notwehr; Anm. d. Red.). Und manche Leute reiten darauf herum. Das ist sehr frustrierend für mich. Denn ich habe mich weiterbewegt. Es ist eine der schlechtesten Eigenschaften, dass Menschen sich nicht weiterentwickeln. Dass Aileen es konnte, habe ich an ihr geliebt.</P><P>Ist Vergessen eine Kunst? <BR>Theron: Man vergisst nicht, aber man stellt Dinge in eine andere Perspektive. Und man trifft eine Wahl: Komme ich darüber weg oder nicht. Aileen hatte die Fähigkeit zu überleben. Sie wurde so oft vergewaltigt. Es ist herzzerreißend. Sie wusste gar nicht, wie schrecklich ihr Leben war, sie kannte kein anderes.</P><P>Haben Sie Aileen noch persönlich kennen gelernt?<BR>Theron: Ich hatte keinen direkten Kontakt. Es schien mir moralisch unangemessen. Ich glaube auch nicht, dass sie mir irgendetwas erzählt hätte. Ich habe ihre Briefe und Tagebücher gelesen, zwei Dokumentationen gesehen. Sie war trotz allem kein schlechter Mensch. Hier zu sitzen, in unserem komfortablen Leben und zu sagen, wir wären ganz anders gewesen, ist leicht. Wir haben ihr Leben nicht gelebt.</P><P>Hat der Film Ihre Ansicht über die Todesstrafe verändert?<BR>Theron: Ich bin mir noch sicherer, dass sie falsch ist. Ich bin Realistin und achte auf Fakten. Und die Fakten sprechen einfach dagegen: Die Todesstrafe ist nicht effektiv. In Staaten mit Todesstrafe gibt es mehr Gewaltverbrechen, mehr Morde, als in denen ohne Todesstrafe. Moralisch bin ich auch dagegen: Wir verurteilen die Täter für das Töten und töten selber. Zudem verachte ich die politische Funktionalisierung der Strafe. Die Tatsache, dass Präsidentenbruder Jeb Bush Aileen 2002 nur deswegen hinrichten ließ, um wiedergewählt zu werden, regt mich wirklich sehr auf.</P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Dolores O’Riordan – die Frau mit der Monsterstimme
„Zombie“ war der größte Hit der Band The Cranberries. Völlig überraschend ist Sängerin Dolores O’Riordan jetzt mit 46 Jahren gestorben. Unser Nachruf: 
Dolores O’Riordan – die Frau mit der Monsterstimme
Unterwegs mit einem Flötisten der Münchner Philharmoniker
Wie ein normaler Arbeitstag bei den „Philis“ aussieht, verrät der Soloflötist Herman van Kogelenberg (38). Wir begleiteten ihn von der Probe am Samstag bis zum Konzert …
Unterwegs mit einem Flötisten der Münchner Philharmoniker
Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben
Er ist der „Master of Puppets“ des deutschsprachigen Theaters. Jetzt hat Nikolaus Habjan fürs Münchner Residenztheater „Der Streit“ von Marivaux inszeniert. Lesen Sie …
Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben
Petrenkos „Rheingold“: Verschnürt ins Korsett
Diese „Ring“-Wiederaufnahme mit Kirill Petrenko ließ die Kartenserver heißlaufen. Der „Rheingold“-Auftakt zeigte: Da ist noch Luft nach oben.
Petrenkos „Rheingold“: Verschnürt ins Korsett

Kommentare