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Die Verhasste und das Genie

- Vielleicht war sie dazu verdammt, als Ehefrau eines der hellsten Genies aller Zeiten als dessen unwürdig zu gelten. Sie wurde beschuldigt, verleumdet und von Robbins Landon, dem großen US-Musikforscher, als die ,meistgehasste Frau der Musikgeschichte eingestuft. Die Forschung hat inzwischen den Menschen Mozart entdeckt, der hinter dem Genie zu verschwinden drohte. Und Lea Singer hat sich folgerichtig zur Anwältin der Constanze Mozart, geborenen Weber, gemacht, wobei sie manchen Anklagepunkt unter den Tisch fallen ließ, aber auch keine einseitige Lobeshymne anstimmt.

Der Beginn des Romans ist brillant: Der Vorhang öffnet sich über einem Szenario, das uns aus Literatur und bildlicher Darstellung bekannt ist, hier aber anders inszeniert wird. Mozarts Tod: kein mystisches Halbdunkel, dafür Ärzte, Beamte, die eilfertige Abnahme der Totenmaske; der eiskalte Schwager Lange, die scharf befehlende Mutter Weber. Die Ehrfurcht ist von der Realität verdeckt. Diese Einstellung bleibt maßgebend für diese Lebensgeschichte, die gleich darauf - ein harter Schnitt - bei der jungen Constanze einsetzt: ihrem Selbstmordversuch und der Lebensbeichte ihres Vaters am Bett der Geretteten.

Sie erlebt in Mannheim den unscheinbaren Auftritt eines grandiosen Pianisten. Die Autorin versteht es, geschmeidige und glaubhafte Dialoge zu erfinden. Abbé´ Vogler tritt mehrmals auf, van Swieten ist Jahre hindurch zugegen, Lorenzo Da Ponte nicht minder; alles Charakterbilder wie auch von den Menschen der näheren Umgebung. Die von Mozart zunächst begehrte ältere Schwester Aloisia, die berühmte Sopranistin, spielt stets eine nicht eben sympathische Rolle. Die Annäherung des Abgewiesenen an Constanze bleibt merkwürdig nebensächlich. Überhaupt liegt eine Stärke in diesem Roman bei der Beschreibung der Örtlichkeiten, des Alltags darin. Lebendig beschrieben die Reisen. Die elegant erfundene Begegnung mit Casanova; er lebte schon im böhmischen Dux.

Die 86 Seiten des zweiten Teils, die 51 Jahre nach Mozarts Tod, enthalten mehr Dokumentarisches, als Erdachtes: In dieser Zeit stand Constanzes Leben bisher nie im Vordergrund, außer bei den ihr vorgeworfenen Geschäften und Schachereien mit Mozarts Nachlass. Dass darüber eine Laudatorin nichts allzu Belastendes berichten will, ist verständlich, nicht aber, dass sie auf Gegenbeweise ganz verzichtet. Natürlich erfüllt diese Zeit, zumindest äußerlich, das Zusammenleben und die spätere Ehe Constanzes mit dem dänischen Staatsrat Nissen. Die beiden zogen von Wien erst nach Dänemark. Das Meer: ein Erlebnis für Constanze. Sie hat Kontakte zum dortigen Musikleben, zu Friedrich Kunzen und Christopher Weyse, auch Kuhlau wird genannt. Ihr 24. Umzug (wie Constanze festgestellt hat) führt sie zurück nach Salzburg, wo Nissen aus seiner Zurückgezogenheit erwacht und an seiner Mozart-Biografie schreibt.

Die beiden überlebenden Mozart-Söhne treten immer wieder ins Blickfeld. Wolfgang hält den Kontakt zur fast erblindeten Tante Nannerl, mit der sich Constanze nie vertragen hat. Bei ihr, im Herrschaftsbereich von Vater Leopold, liegen einige Wurzeln zur Missgunst, mit der die Nachwelt Constanze belastet hat. Leopold betrachtete "die Weberischen" sein Leben lang als suspekt und Constanze als Rabenmutter, weil sie ihre Kinder zur Aufbewahrung gibt und mit Wolfgang verreist. Er aber macht keinen Schritt ohne Constanze, die ihm, dem darin Ungewohnten, den Alltag abnimmt, noch auf unterster Stufe. Geld ist nie da; erst, als sie nach Mozarts Tod Konzerte veranstaltet und selbst singt, hat sie was in der Hand. "Mir geht es gut, weil ich wirtschaften kann", sagt sie: "Seine Musik wäre zu leicht geworden, hätte er es nicht schwer gehabt. Das hat er wohl gewußt."

Lea Singer: "Das nackte Leben. Schicksal und Liebe der Constanze Mozart". DVA, München, 378 Seiten; 17.90 Euro. Die Autorin stellt heute, 20 Uhr, im Literaturhaus das Buch vor. Nina Hoger liest.

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