Die Verheißung

- Über den Schmerz, dass die Götter alle ihre Kinder ermordeten, versteinerte Niobe. Als Stein-Büste diente sie dem späteren Frauenliebhaber und Frauenquäler Pablo Picasso als Übungsmodell. Der 13-Jährige modellierte mit Kohle und Bleistift die antike Leidensgestalt, eine typische Übung für einen Maler in Ausbildung, und unterzeichnete noch mit dem Familiennamen Ruiz. Nicht weit davon hängen in der Augsburger Schau "Picasso - exklusiv aus Privatsammlungen" die angeblich so typischen Picasso-Frauen - frohgemut-bunt, Gesichts- und Körperelemente frech versetzt.

Der Glaspalast an der Amagasaki-Allee hat ein bissl Pech mit seiner Ausstellung, denn im vergangenen Jahr hatte der Münchner Kunstbau schon kräftig mit einer Picasso-Präsentation abgesahnt. Deswegen locken die Kuratoren Roland Doschka (Kunsthalle Balingen) und Winfried Heid (Galerie Signum, Heidelberg) mit der Aura des Noch-nie-Gesehenen aus privatem Besitz. Rund 110 Werke von Pastellen über Zeichnungen und Gemälde bis hin zur Druckgrafik und Keramik hat man in einem Saal des schönen Industriebaus aus der vorigen Jahrhundertwende zusammengestellt. Ergänzt wird dieser kleine Spaziergang durch ein gigantisches Künstlerleben und -schaffen von der Multimedia-Information "Pax et Picasso", die von seinem politischen Engagement seit den 1930er-Jahren berichtet. Wichtig für Augsburg, das heuer den Religionsfrieden von 1555 (zwischen Katholiken und Protestanten) feiert. Wichtig für unsere heutige Welt, die zwar Picassos Friedenstaube liebt und das grandiose "Guernica" verehrt, aber nichts daraus gelernt hat.<BR><BR>Im Glaspalast versucht man, ob in den Porträts, ob in den Frauen- und Männerdarstellungen, Picassos Entwicklung anschaulich zu machen. Schließlich gipfelt diese Anhäufung von Erforschtem, von Können, von stetig neu Erlerntem im allumfassenden System Picasso. Es gibt nichts wieder her, hält alles präsent, und zwar vital, nicht konserviert: Es generiert unaufhörlich sich selbst als lebendige Ganzheit. Konventionelle Malweise und fast komplette Abstraktion, makellose Schönheit und groteske Hässlichkeit, Stoffe aus Antike, Volkskultur und Moderne, Materialien aller nur erdenklichen Art, Selbstironie und Hommage an Kollegen von Cranach bis Matisse - nichts geht verloren.<BR><BR>Aber zunächst sieht man den Anfänger, der auf Toulouse-Lautrecs Spuren wandelte. Bald lassen sich die verhärmten Gaukler der blauen und rosa Periode entdecken. Der eher kühle Kubismus bahnt sich an. Und schon ist man im Augsburger Schnelldurchlauf bei Picassos "Klassizismus" angelangt - klares, schlichtes In-sich-ruhen. Und der Betrachter erkennt sofort, wie sehr sich der Meister vom braven Nachmalen der Antike des 13-Jährigen emanzipiert hat. Souveräne Freiheit hatte er längst erreicht, und die steigerte sich Picassos Leben lang (1881-1973).<BR><BR>Das Kind im Genie <P>Immer wieder berührt einen diese Freiheit in der Begegnung mit den Werken wie eine Verheißung eines besseren Daseins. Ohne Hemmungen und Verklemmungen, ohne Engstirnigkeit und Humorlosigkeit, ohne Dogmatismus und Dummheit: Das ist die wahre Pax Picasso. Wenn ein Genie Farbstifte zur Hand nimmt und mit ein paar bunten, einfachsten Strichen einen augenzwinkernden "Faun" (1956) mit einem Halm im Mund zeichnet, dann stecken in dieser Verneigung vor Kindermalkünsten Weisheit und Wissen des perfekten Könners. Obendrein beweist dieses schlichte Blatt, dass der Spruch, "das kann mein dreijähriger Enkel genauso", purer Schmarrn ist. <BR><BR>Picassos Friede und Freiheit führt in der Ausstellung auch zu beeindruckenden Gegenüberstellungen. Da ist jenes mondweiche Gesicht, nur Linie und Fläche, aber in kalten Steingrautönen. Und daneben Dora Maars Antlitz, aufgestützt in die Hand, mit einem harten Sternenblick aus splittriger Augeniris, aber in weichen, gelb untermischten Graunuancen.</P><P>Bis 16. Mai, außer montags, ab 9 Uhr; Parkplatz vorhanden; vom Bahnhof aus fährt halbstündlich ein Bus (Bahnhofstr. 29); Katalog: 14 Euro; Tel. 08 21/ 50 20 733; www.augsburg-tourismus.de.<BR></P>

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