Verhüllte Pracht

- "Ist es möglich, dass man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist?", rezitiert Robert Stadlober, während Xavier Naidoos Schmusepop vom Band perlt. "Ist es möglich, dass man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, sodass sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien?", so geht Rainer Maria Rilkes Gedicht weiter. Mit dem "Rilke Projekt" verhält es sich ein wenig wie mit dem verhängten Mobiliar: Seine Pracht bleibt vor lauter Schonung und Schön-erhaltung verborgen. Ebenso verhüllt, unberührt und zumeist unberührend werden Rilkes Gedichte in diesen Popversionen dargeboten.

Das Komponisten- und Produzentenduo Angelica Fleer und Richard Schönherz hat mit "Überfließende Himmel" nun die dritte CD seines erfolgreichen "Rilke Projekts" auf den Markt gebracht. Und um nach 135 000 verkauften Tonträgern auch dieser CD Aufwind zu geben, haben die beiden die Show "Zwischen Tag und Traum" inszeniert, "eine poetische Reise in Rilkes Weltinnenraum". Sie gastierte im Rahmen ihrer Tournee am Wochenende im Münchner Prinzregententheater. <BR><BR>Wie unterhält man ausschließlich mit Rilkes Gedichten? Indem Schauspieler sie sprechen, die selbst das berühmte Telefonbuch in ein spannendes Drama verwandeln können, wäre eine Antwort. Die von Schönherz und Fleer lautet: mit gefälliger Popmusik, die alle möglichen Stilrichtungen zitiert, damit für jeden etwas dabei ist. Des Weiteren mit einer bunten, reich mit Videos bebilderten Show. Und mit Interpreten, deren prominente Namen das Publikum anziehen. In diesem Fall: die Schauspieler Jürgen Prochnow, Nina Hoger, Robert Stadlober und die Tiroler Sängerin Zabine. Wobei Hoger und Stadlober auf keiner der drei CDs vorkommen, sondern "dazugekauft" wurden. Von den zahlreichen Prominenten des "Rilke Projekts" fanden sich offenbar nur zwei bereit, sich damit auch auf die Bühne zu stellen. Genau diese beiden, Prochnow und Zabine, ließen sich am wenigsten auf die Vielschichtigkeit, Rhythmik und Schonungslosigkeit dieser Gedichte ein. Stadlober gebührte an diesem Abend große Hochachtung: Weniger nachdenklich als die älteren Kollegen, dafür aufgerüttelt und rebellisch formte er Rilkes Worte und schien die Dimensionen eines jeden auszuloten. Während vor allem Zabine säuselte, als wolle sie ihr Poesiealbum vortragen.<BR><BR>Gerechterweise muss man sagen: Dieses Projekt will keinen Lyrikabend auf CD oder die Bühne bannen. Sondern mittels der Eingängigkeit von Popmusik den Dichter einem breiten Publikum näher bringen. Und das gelingt. Einräumen muss man aber auch: Am schönsten und intensivsten sind Rilkes Verse pur zu erleben. Ohne Musik- und Videobrimborium. <BR><BR>Wo aber Rilkes Verse umplätschert werden oder gar ganz im Song aufgehen, da weichen auch ihre ursprüngliche Kraft und Schönheit auf: "Der Panther" bleibt blass, die Stäbe seines Käfigs verschwimmen vor dem inneren Auge, wenn die Videobeamer dazu Wolkenfelder hervorzaubern. "Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht". Und nichts davon zu spüren. <P>Schönherz & Fleer: "Rilke Projekt: Überfließende Himmel". BMG.<BR><BR></P>

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