+
Ausgestelltes Kleinbürgertum: Çiǧdem Teke und Edmund Telgenkämper in Susanne Kennedys Inszenierung „Warum läuft Herr R. Amok?“ an den Münchner Kammerspielen.

Kammerspiele

Zum Verlachen freigegeben

  • schließen

München - Susanne Kennedy inszenierte an den Münchner Kammerspielen „Warum läuft Herr R. Amok?“ nach Fengler/Fassbinder. Die Kritik:

Am Anfang war das Missverständnis. Dass „Warum läuft Herr R. Amok?“ kein Film von Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) ist, sondern von dessen ebenso filmbegeistertem Jugendfreund Michael Fengler, Jahrgang 1940, ist inzwischen bekannt.

Fassbinder, der nur zwei Tage am Set war, hat auch nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen diese Fallstudie gemacht, die einen durchschnittlichen Mann in seinem durchschnittlichen Alltag beobachtet. In einer Kurzschlussreaktion tötet er am Ende Frau, Kind und eine Nachbarin. Als es dafür 1971 das Filmband in Gold für die „Beste Regie“ gab, hat sich RWF freilich dennoch gerne auszeichnen lassen. Auch die Machart der Produktion (Improvisation der Dialoge; Handkamera; Schauspieler, die sich frei bewegen statt einer strengen Choreografie zu folgen) spricht gegen Fassbinder als Urheber – zuletzt hat das Jürgen Trimborn in seiner Biografie „Ein Tag ist ein Jahr ist ein Leben“ (2012) sehr lesenswert aufgeschlüsselt. Doch Fengler fehlten damals die 2000 Mark, um Fassbinders Namen aus dem Vorspann entfernen zu lassen. Deshalb – und weil sich der Film mit dem Bekannteren besser vermarkten ließ –, galt „Warum läuft Herr R. Amok?“ lange als Fassbinder-Werk.

An den Münchner Kammerspielen, wo am Donnerstag die Bühnenadaption des Films aus dem Jahr 1970 Premiere hatte, folgt Susanne Kennedy indes der ästhetischen Strenge der frühen, originären Fassbinder-Arbeiten. Für ihre etwas mehr als zwei Stunden lange Inszenierung (ohne Pause) hat Lena Newton ein Spießerglück aus Nut-und-Feder-Brettern auf die Bühne des Schauspielhauses gebaut. Die Szenen werden von einer langsam auf- und abfahrenden Leinwand unterteilt, auf der die schlierende Homevideo-Aufnahme eines ähnlichen Hobbyraums zu sehen ist, während der folgende Spielort in einer Schrift aus den Anfängen der Heimcomputer eingeblendet wird. Es brechtet also ein bisschen.

Die Schauspieler tragen Masken und sprechen kein Wort: Langsam kommen die Dialoge vom Band, während die fünf Darsteller nur ihren Mund bewegen. Was als Brechung von Sehgewohnheiten und Ausbremsung von Erwartungen zunächst funktionieren mag, endet rasch in zäher Belanglosigkeit.

Dies könnte – wohlwollend interpretiert – noch als Erfahrbarmachen des tristen Alltags der Figuren durchgehen. Doch dieser Abend hat ganz andere Probleme. Kennedy arbeitet hier mit derselben Methode wie bei ihrer Inszenierung von Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“, die 2013 ebenfalls an den Kammerspielen herauskam. Das mag bequem sein, doch ist es (zu) wenig, das eigene Regiekonzept (erweitert um Masken) einfach nochmal auszumotten.

Bei diesem Stoff ist das besonders ärgerlich: Denn ihr Ansatz stellt arrogant die Figuren aus. So gibt Susanne Kennedy gnadenlos dem Gelächter des Premierenpublikums preis, was die Menschen im Stück ihr Leben nennen – und manchmal vielleicht genauso mögen, wie es ist. Das ist zynisch, überheblich. Warum Herr R. aus dem Alltag ausbrechen will, warum er schließlich keinen anderen Ausweg als den Dreifachmord sieht, all das interessiert die Regie nicht. Für Kennedy ist Herr R. eine Witzfigur, seine Tat Slapstick.

„Wir bestehen im gewissen Sinne aus Individuen“, sagt Herr R. einmal in seiner anrührend-hilflosen Art. In den Kammerspielen wird dieser Satz ignoriert. Da hilft es auch nicht, dass Kennedy am Ende jene Laien auf die Bühne holt, die zuvor in den Videos zu sehen waren.

Das Sprechen nach Playback und die Masken entmenschlichen die Figuren zusätzlich, rücken den Abend in fatale Nähe zur Pornografie, wo weder Gesichter eine Rolle spielen und Dialoge zweitrangig sind. Und wie in einem Porno Sex ausgestellt wird, zur Triebabfuhr des Nutzers, so führt diese Inszenierung ohne Mitgefühl kleinbürgerliches Leben vor. Ein Sozial-Porno zur Belustigung der Zuschauer. Fenglers Film mag schonungslos eine lethargische Gesellschaft zeigen. Doch interessiert er sich für deren Personal, bringt diesem zumindest einen Funken Empathie entgegen.

Auch am Ende also: ein großes Missverständnis.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 1., 6. und 13. Dezember; Telefon 089/ 233 966 00.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare