Das erste dtv-Werk: Heinrich Bölls "Irisches Tagebuch"

Verlagsjubiläum beim dtv: Ein Stamm mit vielen Ästen

München - Welcher Verlag hat eine Backlist von über 5000 Titeln? Und welcher Verlag hält seit genau 50 Jahren seine erste Publikation - nämlich Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“ - stets lieferbar bereit? Es ist der Deutsche Taschenbuch Verlag.

Das erste dtv-Werk: Heinrich Bölls "Irisches Tagebuch"

Dtv hat seinen Sitz in München und versorgt von hier aus die deutschsprachige Leserschaft mit Paperbacks jedweder Geistesrichtung. Die Verlagsgründung ist einzigartig im europäischen Buchhandelsgeschäft: 1960 beschließen elf Verlage, unter ihnen C. H. Beck, Deutsche Verlags-Anstalt, Carl Hanser, Kiepenheuer & Witsch und Piper, die Gründung eines Taschenbuchverlages. Erster Verlagsleiter wird Heinz Friedrich. Als Gründungsmitglied der „Gruppe 47“ verfügte er über beste Kontakte zur Literaturszene. Anfang 1961 bezieht der Verlag mit sechs Mitarbeitern die ersten Büroräume in Schwabing. Die dtv-Bücher erregen Aufsehen, alle Titel präsentieren sich mit weißem Cover und reüssieren sogleich. Der Grund liegt in den Zeitumständen: Die Deutschen sind in den Sechzigerjahren lese- und bildungshungrig. Das günstigere Taschenbuch liefert Stoff für diese Bedürfnisse. Zudem haben sich auch Ausstattung und Haltbarkeit von Paperbacks verbessert. Dtv hat das Taschenbuch salonfähig gemacht, solche Bände dürfen ab nun auch den bildungsbürgerlichen Bücherschrank zieren.

Heute hat dtv an die 120 Mitarbeiter, und die Buchlandschaft hat sich gewaltig geändert. Es gibt kaum einen namhaften Verlag, der nicht über ein eigenes Taschenbuchlabel verfügt. Dtv hat das auch zu spüren bekommen: Von den elf Gesellschafterverlagen sind noch vier übrig. Und ein Gesellschafter wie C. H. Beck verfügt seit geraumer Zeit über eine starke Taschenbuchschiene im Sachbuchbereich. Wolfgang Balk, seit 1996 dtv-Geschäftsführer, hat diese Problematik rechtzeitig erkannt. Das Lizenzgeschäft ist schon seit längerem nur eine Geschäftssäule, die andere besteht darin, Originaltexte zu drucken. Gleich zu Anfang seiner Verlagsleitung gründete Balk die Reihe dtv premium. Hier werden großformatig und in individueller Umschlaggestaltung Erst- und Originalausgaben gedruckt. Wolfgang Balk: „Die dtv-premium-Formen werden stets weiterentwickelt. Ich möchte alles, was an formalen Möglichkeiten da ist, auch in den Büchern durchspielen. Wir machen mittlerweile an die 50 Prozent Original- und Erstausgaben. Was wir mit dem Premium-Bänden auch herstellerisch leisten, kann sich mit vielen Hardcovern messen. Wir arbeiten zudem international mit Verlagen und Agenten zusammen. Und wir haben mittlerweile deutschsprachige Autoren entdeckt. Die Autorin Antje Rávic Strubel war zuerst bei uns und dann bei C. H. Beck. Also wir ergänzen uns mit den Gesellschaftern.“

Unter Balk hat sich dtv als eigenständige Stammmarke mit vielen Ästen etablieren können. Rund 54 Millionen Euro betrug der Umsatz im vergangenen Jahr. Auf die Unterhaltungsliteratur entfielen dabei rund 20 Millionen Euro, die literarischen Klassiker brachten zehn Millionen ein, der Rest ergab sich aus Ratgeberliteratur, Sach- und Kinderbüchern. In schöner Regelmäßigkeit findet man dtv-premium-Titel, aber auch dtv-Sachbücher auf den großen Bestsellerlisten. Es wäre aber verfehlt, dtv unter Balk als rein kommerziell orientiertes Unternehmen zu bezeichnen. Denn der Verleger ist humanistisch und weltoffen, hat seit jeher die Philosophie im Blick: „Wir bieten in Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart einiges - und das wird nicht nur nach ökonomischen Kalkülen geleistet.“

Gefeiert wird das 50-jährige Verlagsbestehen heute im Haus der Kunst. Ein eigenes Jubiläumsprogramm gibt es zusätzlich. Und vom 10. bis 15. Juli stellt dtv in einem eigens eingerichteten Lesecafé in der Galerie des Literaturhauses seine Bücher und Verlagsgeschichte vor. Als Motto von dtv gilt mittlerweile ein Ausspruch von Heinz Friedrich, dem ersten Verlagsleiter: „Erfunden haben wir das Taschenbuch nicht - aber wir haben etwas daraus gemacht.“

Andreas Puff-Trojan

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