Verleger Helmut Kindler gestorben

Genf/Zürich - Der Verleger Helmut Kindler hat das literarische und das politische Denken in Deutschland beeinflusst wie nur wenige.

Der Herausgeber der berühmten "Literaturlexikons", der am vergangenen Montag in Küsnacht bei Zürich gestorben ist, suchte immer wieder auch die politische Auseinandersetzung. Er wurde 95 Jahre alt. Sein Verlag stand für Standardwerke der Nachkriegszeit, und durch frühe Begegnungen mit Bertolt Brecht und Erwin Piscator verlegte der Linksliberale neben Willy Brandt und Sebastian Haffners "Anmerkungen zu Hitler" auch Werke von Marx, Lenin und Ilja Ehrenburg. Streitbar blieb der am 3. Dezember 1912 in Berlin Geborene sein ganzes Leben lang.

Als Ruheständler hatte sich der zuletzt bei Zürich lebende Kindler mit einer streitlustigen Interpretation von Jesu Leben als Romanautor vorgestellt und damit an frühe schriftstellerische Versuche angeknüpft. "Meine Leidenschaft galt immer dem Wort", erklärt Kindler seine wechselvolle berufliche Laufbahn. Als Schauspieler, Regisseur und Journalist machte er Anfang der 30er Jahre in Berlin erste künstlerische Kontakte, arbeitete als Hauptschriftleiter für die Wehrmacht und wurde 1943 wegen seiner Verbindungen zu einer kommunistischen Widerstandsgruppe verhaftet. Er kam mit "Frontbewährung" davon und gab unmittelbar nach dem Krieg die Kunstzeitschrift "Revue" heraus, die er in München zur Illustrierten verwandelte.

Kindler führte eine neue verlegerische Spielart ein: Romane und Serien aus der "Revue" veröffentlichte er in seinem gleichnamigen Verlag in Buchform. Der erste Konsalik-Bestseller ist so entstanden. Der Verleger verstand es, seine schöngeistigen Interessen ganz pragmatisch mit verlegerischem Geschick zu paaren. Er gründete 1956 die Jugendzeitschrift "Bravo", steckte die Gewinne in seine Nachschlagewerke und erinnert sich mit unverhohlenem Vergnügen an die damals einsetzende Kollegenschelte: "Ich habe die gerne gemacht - und sie hat unser Literaturlexikon finanziert."

Von 1965 an widmete sich der Verleger ganz den Büchern, feilte mit dem Regisseur Fritz Kortner an dessen Memoiren und förderte den schwer zu vermittelnden Louis Aragon. In der 68er-Zeit stellte er seine Mitarbeiter für Demonstrationen frei und ging gemeinsam mit seiner Frau und Geschäftspartnerin Nina gelegentlich mit. "Ein streitbarer Pazifist", wie Walter Jens seinen Verleger nannte. Auch als Pensionär betrachtet Kindler, der seine verschuldeten Verlage Anfang der 80er Jahre an die Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe verkaufte, die Branche aufmerksam - und mit Sorge. Heute seien es Manager und Geschäftsleute, die die Bücher machten. "Aber ein Autor muss sich geborgen fühlen in Verlag, und das gibt es kaum mehr."

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