Die Geschichte der Ehe

Verliebt, verlobt, verheiratet

München - Die Historikerin Monika Wienfort blättert die „Geschichte der Ehe seit der Romantik“ auf.

Die Ehe sei eine „gegenseitige Freiheitsberaubung in beiderseitigem Einvernehmen“, befand Oscar Wilde. Der englische Schriftsteller war ein Zyniker, nicht nur in Sachen Ehe – doch musste auch er schließlich zugeben: Die Ehe als „Experiment ist wertvoll“.

Ihre groß angelegte Studie über das Experiment Ehe, die nun als Buch vorliegt, beginnt die Historikerin Monika Wienfort mit dem Zeitalter der Romantik. Denn die Romantiker betrachteten die Liebe als hohes, wenn nicht gar überirdisches Gut – das allerdings in der Ehe durch Dauer, alltäglichen Glanz und liberale Gesinnung erstrahlen sollte. Wienforts Sprache und Stil in „Verliebt, verlobt, verheiratet“ sind sachlich. Und das ist gut so. Denn gegen die Ehe in all ihrer Unvollkommenheit kann man leicht polemisieren. Ein Sachbuch muss aber andere Qualitäten haben.

Wienfort überprüft den Wandel der Institution Ehe und ihrer Begleiterscheinungen wie „Heiratsalter“, „Ehevertrag“, „Aussteuer und Mitgift“ oder „Namensrecht“. Selbst der „Schwiegermutter“ sind einige Seiten gewidmet. Die Arme wird damals wie heute als verschlagen, böswillig und herrschsüchtig angesehen – und das europaweit! Zwar mag die Schwiegermutter am Glanz der Ehe kratzen, doch das erstrebte Licht ehelicher Liebe kann sie nicht auspusten.

Die Ehe sei, schreibt der gelehrte Romantiker Wilhelm von Humboldt an seine Frau Caroline, „die schönste und himmlischste Einrichtung, die es unter Menschen gibt“. Diese Eheleute waren äußerst gebildet, weit gereist und galten in der Gesellschaft als ein Vorzeigepaar – was beide mit tiefer Freude erfüllte. All das hatte aber mit ehelicher Treue nicht viel zu tun, ergänzt Wienfort: „Caroline erlebte mehrere Affären. Und die Trennung von Liebe und sexueller Begierde war für Wilhelm ohne weiteres möglich. Er notierte die Ausgaben für Bordellbesuche in seinem Ausgabenbuch.“

Die Autorin geht in ihrer Studie geschickt vor: Sie schildert nicht nur genau den geschichtlichen Wandel der Ehepraxis, sondern bringt Beispiele berühmter Ehepaare: Neben den Humboldts sind das etwa Clara und Robert Schumann, Victoria und Friedrich von Preußen, Katia und Thomas Mann, Freya und Helmuth James von Moltke.

Wienforts Buch ist reich an Informationen. Wer weiß schon, dass es „Heiratsannoncen und Heiratsinstitute“ seit Mitte des 18. Jahrhunderts gibt? Oder dass erst mit Queen Victorias Hochzeit 1840 der Brauch aufkam, die Braut in weißen Stoff zu hüllen – zuvor heiratete man schlicht in Schwarz. Als Freiherr Adolph Knigge 1788 sein berühmtes Buch „Über den Umgang mit Menschen“ veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, dass er damit auch das bis heute lukrative Publikationsfeld der „Eheratgeber“ eröffnete. Schwangerschaftsverhütung, so denkt man, beginnt im größeren Umfeld mit der Pille. Das stimmt – und stimmt auch wieder nicht. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts wurde bereits für Pessare und Kondome geworben – nicht in Schmuddel-Zeitschriften, sondern im angesehenen „Adels- und Salonblatt“.

„Verliebt, verlobt, verheiratet“ ist gut lesbar, äußerst informativ – und nicht selten erheiternd. Dass die Ehe noch immer en vogue ist, hat nach Monika Wienfort folgenden Grund: Zum einen gelangen gleichgeschlechtliche Paare immer mehr in den Genuss dieser gesellschaftlich ausgezeichneten Partnerschaft, was deren soziale Stellung erhöht. Zum anderen gilt allgemein: „Die Ehe ist nicht mehr als selbstverständliches Kennzeichen einer Privilegiengesellschaft wie noch im 19. Jahrhundert zu verstehen, sondern als eine Möglichkeit, das Geliebtwerden sozial zu dokumentieren.“

Andreas Puff-Trojan

Monika Wienfort:

„Verliebt, verlobt, verheiratet. Eine Geschichte der Ehe seit der Romantik“. C. H. Beck, 336 Seiten; 24,95 Euro.

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