Die Verlierer dieses Lebens

"Stoning Mary" im Bayerischen Staatsschauspiel: - Die Zeit der Helden ist vorbei. Mit welchem Typ Mensch wir heute in den neuen Stücken konfrontiert werden, trifft zwar nicht immer jedermanns Geschmack, thematisiert aber doch stets einen Kern unliebsamer Wahrheiten: nämlich die Unüberschaubarkeit der globalen Welt. Die handelnden beziehungsweise leidenden Personen befinden sich allemal in der sozialen Misere und stehen den Getriebenen aus den naturalistischen Milieudramen des 19. Jahrhunderts durchaus nahe. Also im Prinzip nichts Neues.

Das Bayerische Staatsschauspiel nimmt sich derzeit dennoch dieser Stücke an. Im Marstall hatte jetzt "Stoning Mary" von Debbie Tucker Green, einer Britin mit jamaikanischen Wurzeln, Premiere. Drei zunächst scheinbar voneinander unabhängige Dialoge, geführt von den Verlierern dieses Lebens. Von Menschen, die wir auf Grund ihrer Verhältnisse - des Elends, der Brutalität und der Archaik - eher dem schwarzen Kontinent zuordnen würden. Aber die Hausautorin vom Londoner Royal Court Theater will, dass ihr Stück von Weißen gespielt wird.

Und das nicht ohne Grund; denn damit stellt sich so etwas wie ein Brechtscher Verfremdungseffekt ein, eine erkenntnisfördernde Distanz. Ohne die Emotionen ganz zu eliminieren. Die werden ohnehin angesprochen, schon wenn man als Zuschauer den Marstall betritt.

Die Spielfläche hellgrau. Begrenzt von einer hohen Wand. Auf dem Fußboden lose verstreut sowie zu einem Berg getürmte Pflastersteine. Man ahnt, dass sie nicht nur als Dekoration da liegen. Dann betreten die Schauspieler die Bühne, nach und nach, als seien sie privat. Sie nehmen auf seitlich aufgestellten Bänken Platz. Wer nicht gerade "dran" ist, schaut den anderen bei ihrem Spiel zu. Dabei, wie sich Mann und Frau, assistiert durch ihr zweites Ich, bekriegen, sprachlos, stammelnd, kaum einen Satz hervorbringend. Dabei, wie Vater und Mutter terrorisiert werden von dem kleinen, eine Maschinenpistole tragenden Soldaten, der ihr Kind ist. Und dabei, wie das zum Tod durch Steinigung verurteilte Mädchen in der Stunde der Not von ihrer Schwester verlassen wird.

Als würden Maschinengewehrsalven jeweils die ineinander verschachtelten Dialogszenen unterteilen - so laut knallt das Schlagwerk. Und als würde man selbst getroffen, derart erschüttern die donnernden Steinwürfe gegen die Rückwand.

Hans-Ulrich Becker hat das kleine Stück spannend erzählt und in eindrucksvolle Bilder gebannt. Aus dem durchweg guten Ensemble seien hier nur hervorgehoben: Ulrike Arnold als Frau, Beatrix Doderer als Mutter und Stefan Wilkening als Vater. Wenn am Ende die ausstrahlungsstarke, unsentimentale Lisa Wagner wie auf einem Tableau in die Bühne hereingeschoben wird, knieend, den nackten Oberköper mit ihren Händen notdürftig verdeckend, dargeboten zur Steinigung - dann ist alle Distanz des Anfangs passé. Dann ist das ein Moment des großen Gefühls - und der schönste des Abends.

Nächste Vorstellungen: Heute und 9., 16., 26, 31. 5.

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