Die Verlogenheit gebiert nur Schund

- Sie hatten die Vision von einem besseren Leben - und verreckten in Kriegen, verhungerten zu Hause, erfroren an Straßenecken, starben in sibirischen Arbeitslagern oder wurden gleich hingerichtet. Die Revolution fraß ihre Kinder. Stalin, der Diktator, aber ließ sich feiern als gütiger Vater des Volkes, als großzügiger Freund der Musen, als Zar mit Parteibuch.

<P>Dass Kunst nur Anspruch habe, als Kunst zu gelten, wenn das Dargestellte vom Standpunkt der Partei aus realisiert wird, hatten die Schriftsteller, Maler, Regisseure der Sowjetunion bereits von Lenin verordnet bekommen. Der hatte dieses Dekret in seinen Kampfschriften formuliert. Erstaunlicherweise kam es dennoch in den ersten Jahren der jungen Sowjetunion, also um 1919, 1920 herum, zu einer Blüte der künstlerischen Moderne. Sie war wohl mitverantwortlich für das positive, fortschrittliche Bild, das sich Linksintellektuelle des Westens von dem neuen Riesenreich machten.</P><P>Dass diese Freiheit der Kunst im Lande selbst nur von kürzester Dauer war, ist bekannt. Ebenso, dass Stalin sich mit seinen Genossen nach Lenins Tod 1924, dessen Umstände bis heute nicht restlos geklärt sind, in hemmungslosem Personenkult gefiel. Anbetung ist das eine. Das Vorgaukeln einer idealen Wirklichkeit das andere. Zwischen diesen Polen bewegte sich das offizielle Bild, das sich die Sowjetunion von sich selbst machen und für das sich auch manch anständiger Künstler missbrauchen ließ.<BR>Heute ist die Sowjetunion tot und Russland auf dem Weg in eine neue Zeit. Und wieder ist man im Westen dabei, dem russischen Bären auf den Leim zu gehen. Während zwischen St. Petersburg, Moskau und Wladiwostock ein weiterer Personenkult etabliert wird. Wladimir Putin schickt sich an, in die Rolle eines neuen Zaren zu schlüpfen. Um sich dessen bewusst zu werden, brauchte es auf der Frankfurter Buchmesse den Schwerpunkt Russland und mit ihm die Ausstellung in der Frankfurter Schirn: "Traumfabrik Kommunismus".</P><P>"Terrorwellen und blutige ,Säuberungsaktionen richteten sich aber auch gegen das ,einfache Volk"<BR>Max Hollein, Ausstellungsmacher</P><P>Wüsste man nicht um die historischen Tatsachen, wäre diese Schau in der Monströsität ihrer 70 Bilder geradezu komisch. Der erste Raum der Exposition ist von schauerlicher Absurdität. Da hängen sie - die mehrere Quadratmeter großen Schinken, auf denen sich Stalin feiern lässt. Mal strahlend in Galauniform. Mal als liebevoll sorgender Landesvater, als Feldherr, am Krankenbett Gorkis oder - in der Abteilung "Nostalgischer Sozialistischer Realismus" - als von den Musen angebeteter Gott. Darunter ist auch der religiöse Kitsch einzuordnen, der eine nackte weinende Jungfrau am Fuße des hoch oben auf dem Katafalk aufgebahrten Lenin zeigt.</P><P>Unglaublich, dass dieser Schund erst 1980 entstanden ist. Gewiss, alles keine guten Gemälde. Höchstens insofern, als sie deutlich machen: Inhaltliche Verlogenheit gerät immer nur zu schlechter, zu so genannter Kunst. Deprimierend: Unter den beteiligten Künstlern befanden sich immerhin die besten und wichtigsten sowjetischen Maler, Bildhauer, Grafiker der Zeit wie El Lessitzky mit Plakaten oder Kasimir Malewitsch mit seinen bäuerlichen Frauenporträts.</P><P>Auf der Mehrheit der Bilder ist der parteiliche Auftrag unübersehbar - wie bei Jekaterina Sernowas "Kolchosbauern grüßen einen Panzer" (1937), obwohl der Rotarmist das Gefährt geradewegs durch den ländlichen Obstgarten fährt. Oder "Das neue Moskau" (ebenfalls '37) von Jurij Pimenow, auf dem eine Frau ihr offenes Cabrio entspannt durch die verkehrspulsierenden Großstadt steuert. Und damit direkt an der Wirklichkeit vorbei.</P><P>SABINE DULTZ</P><P>Bis 4. Januar 2004; täglich außer montags; der umfassende Katalog (Hatje Cantz Verlag) kostet 45 Euro.</P>

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