Verlorene Vergangenheit

- Ein Autor, ein Anliegen, eine Grundstimmung der verhaltenen Trauer. Aber zwei Bücher von ganz verschiedener Wirkung, in unterschiedlichen Stilen verfasst. 30 Jahre liegen zwischen der Entstehung der "Geschichte des Herrn Han" und dem Roman "Der ferne Garten". Nicht nur Südkorea, das Heimatland des Autors Hwang Sok-yong, hat sich gewandelt, indem nach Zeiten wechselnder Militärregime endlich die Demokratisierung vorangetrieben wurde. Auch Hwangs Rolle als politisch engagierter Schriftsteller hat sich verändert: Er ist vom Systemkritiker zum offiziellen Kulturgesandten Südkoreas im verfeindeten Bruderland Nordkorea geworden.

Und doch hat sich auch in diesem mutigen demokratischen Vorkämpfer ein Wandel vollzogen: Er hat in der Zwischenzeit all die Erfahrungen der körperlichen und seelischen Gewalt, der Freiheitsberaubung und Entrechtung, der Trennung von Familie und Heimat, von denen er schon in der "Geschichte des Herrn Han" schreibt, am eigenen Leibe erfahren müssen.

Hwang, 1943 in der Mandschurei geboren, 1945 mit der Familie nach Nordkorea übergesiedelt und 1948 in den Süden geflohen, protestiert in den 70er-Jahren gegen das südkoreanische Militärregime und erlebt den blutig niedergeschlagenen Aufstand von Gwangju 1980 mit. 1989 dann verstößt er mit einer Reise nach Nordkorea gegen südkoreanische Sicherheitsgesetze und geht ins Exil nach Berlin und New York. Als es ihn 1993 nach Südkorea zurück zieht, wird eine Haftstrafe doch noch fällig. Erst unter Kim Dae-jungs "Sonnenscheinpolitik" kommt Hwang 1998 frei. In "Der ferne Garten" sind die entwürdigenden Erfahrungen einer Haft, die nicht den Maßstäben eines Rechtsstaates entspricht, eingeflossen.

In der "Geschichte des Herrn Han" aber, diesem distanzierten, spröde konstatierenden Roman, verarbeitet Hwang zunächst die Erlebnisse seines Onkels. 1968 stirbt in einem ärmlichen Mietshaus in Seoul ein alter Mann, der seiner Umgebung suspekt, ja unangenehm war. Nachträglich immer beklemmender werden die Urteile seiner kleinkarierten Nachbarn und seiner wenigen Angehörigen, wenn der Erzähler Hans Vergangenheit fast protokollartig ausführt. Herr Han war ein äußerst gewissenhafter Arzt. Während des Koreakriegs zwingen ihn die nordkoreanischen Kommunisten, nur die Parteikader ärztlich zu behandeln. Doch Han widersetzt sich und wird zum Tode verurteilt. Nach einem haarsträubenden Cliffhanger trifft man Han, der überlebt hat, auf der Flucht nach Südkorea wieder: eine - obwohl ganz unemotional geschrieben - herzerreißende Szene der Trennung von der Familie, die Han nicht mehr wiedersehen wird. In seiner Aufrichtigkeit viel zu naiv, gerät er in die Fänge von Betrügern, wird als kommunistischer Spitzel denunziert, verhaftet, gefoltert. Der verachtete Tropf vom Beginn des Buches ist ein Mann, dessen Integrität große Bewunderung abverlangt. Und dem doch vorzuwerfen ist, dass er sich allzu vertrauensselig seinen Feinden ausgeliefert hat.

Einen intimeren und persönlicheren Tonfall schlägt "Der ferne Garten" an. Nach 17 Jahren wird der politische Häftling Oh Hyunuh entlassen. Er erfährt, dass seine Geliebte in der Zwischenzeit gestorben ist. Am Ort ihrer gemeinsamen Liebe findet er ihre Briefe und Tagebücher. Im Wechsel mit seinen Erinnerungen an seine politisch aktive Zeit und den Gefängnisaufenthalt werden die Aufzeichnungen der Malerin Han Yunhi erzählt. Nur so schafft es der von der Welt und seiner Zeit abgeschnittene Ex-Häftling, wieder an sein eigenes Leben anzuknüpfen. Hwang hat hier eine zarte, hochpolitische Liebes- und Leidensgeschichte geschrieben, die der Poesie, aber auch der Kritik an einem egoistischen Kämpfertum nicht entbehrt.

Hwang Sok-yong: "Die Geschichte des Herrn Han". dtv, München, 138 Seiten; 12 Euro. "Der ferne Garten". dtv, München, 520 Seiten; 15 Euro. Beide aus dem Koreanischen von Oh Dong-sik, Kang Seung-hee und Torsten Zaiak.

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