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Famose Irr-Reise: Szene aus „Riverside“ von David Claerbout

Vom Verlust der Lebenszeit

München - Fünf verblüffende Filmarbeiten von Daniel Claerbout in der Pinakothek der Moderne

Action fehlt hier genauso wie Entspannung. Wer Unterhaltung im kleinen Kino von David Claerbout sucht, der wird in der Pinakothek der Moderne mit Ereignislosigkeit konfrontiert. Was aber nicht zu verwechseln ist mit Inhaltslosigkeit. Denn das, was der Belgier in fünf Filmarbeiten in Szene setzt, ist ein verblüffendes Festhalten des Fließens der Zeit. Wäre das alles nicht so wahnsinnig melancholisch, es wäre atemberaubend. So aber atmet der Besucher schwer, geht still in sich gekehrt aus der Ausstellung und weiß einmal mehr, dass es nichts gibt auf der Welt, das alle gleich erleben. Geschweige denn, dass etwas gemacht ist für die Ewigkeit.

Das Bild vom Kindergarten Antonio Sant-Elia von 1932 zeigt die Starrheit des Baus und die Zucht und Ordnung im damaligen Italien. Doch die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt zudem den Wind der Veränderung: Digital animiert, wehen die Blätter der Bäume im Hof. Mit diesem seltsamen Überschreiten der Gattungen und des Aufhebens der Zeitebenen wurde Clearbout 1998 berühmt.

Das zweite Werk, das die Pinakothek ankaufte, ist „Long Goodbye“ von 2007. Eine Frau, die in Zeitlupe Kaffee serviert und sich verabschiedet. Nur von was? Vom Licht, vom Tag, von den im Zeitraffer aufgenommenen Schatten und Spuren des Tages. Der Verlust der Lebenszeit ist schmerzlich zu spüren und doch wunderschön. Clearbouts Bestreben ist es, „Orte und Momente zu gestalten, die über das Anekdotische von Zeit und Raum hinausreichen“.

Mitunter stellt er auch den ebenso vehementen wie vergeblichen Versuch der Menschheit dar, sich eigene Kunsträume und Kunstzeiten zu schaffen: „Schadow Piece“ (2005) aus der Münchner Sammlung Goetz ist ein Rückblick in die Fünfzigerjahre. Adrett gekleidete Passanten versuchen, durch die Glastür in ein modernes Gebäude einzutreten. Nur ihre Schatten erreichen den perfekten Raum, erreichen die Utopie der Moderne, der Fotografie und Architektur.

2009 hat sich Clearbout von der animierten Fotografie gelöst: „Sunrise“ zeigt ein Hausmädchen, das in der Dämmerung die Sterilität eines Designerhauses auf Hochglanz bringt, bevor es in die Farben und den Klang der Sonne, also ins Leben hinausradelt. „Riverside“ scheint dann ein weiteres Bekenntnis zur Natur, zur Farbe, zur Parabel zu sein. Doch das Epos hat in zwei Projektionen nur die Parallelwelten von Beziehungen zum Thema, einer famos inszenierten Irr-Reise von Mann und Frau, einer Suche nach gemeinsamer Wahrnehmung, die nie im Finden enden wird. Denn, wie Clearbout meint: „Jeder Erwartung wohnt auch eine Täuschung inne, jeder Aufregung eine Ernüchterung, jeder Vorwärtsbewegung ein Rückschritt, alles zur gleichen Zeit und auf derselben Oberfläche.“

Bis 9. Januar, Telefon 089/ 23 80 53 60.

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