Vermarktung der Gefühle

- Nichts beutelt den Menschen mehr als seine Gefühle. Vielleicht wird das Emotionale deswegen oft in die künstliche, träumerische und realitätsferne Welt des Films und der Kunst verbannt - um nicht weiter zu stören. Dort darf und soll dann die geballte Wucht des Irrationalen verarbeitet werden.

Gefühlsduseleien, Dramen, Glitzerwelt prallen aufeinander, zwischen Seifenoper und Hollywood ist nur ein schmaler Steg mit hoher Absturzgefahr. Genau darauf bewegen sich die Künstler im Kunstbau des Münchener Lenbachhauses: "Die Bühne des Lebens - Rhetorik des Gefühls" heißt die "Annäherung in sieben Kapiteln", die nach einer Projektreihe nun an ihrem Endpunkt ist.

Das Ende fängt glamourös an: Liam Gillick streut Glitter aufs Ausstellungsparkett - Träume werden in alle Welt getragen, aber zugleich auch mit Füßen getreten. Was folgt, ist ähnlich ambivalent, aber nicht immer ähnlich selbsterklärend. Kurator Nicolaus Schalthausen aus Rotterdam hat sich auf schwierige und wortlose Definitionen von Emotion verlegt. Kann man Verdrängung und Defizite in so einer kühlen Ausstellung wettmachen? Eine hartes Stück Arbeit für die Besucher, die zwischen Ratlosigkeit und Erkenntnis hin- und hergerissen werden.

Keine Problem dürfte "Los Angeles" von Sarah Morris sein: Hier wird das glamouröse Hollywood in Technik- und Nahaufnahmen demaskiert. Während wenige Schritte weiter ein Blechkanister-Trommler sein ganzes, wahres Herzblut in die ost-westlichen Klänge hoch über einer türkischen Stadt legt (Fikret Atay: "Tinica"). Was hier an Sehnsucht, Melancholie und jugendlichem Rebellentum mitschwingt, erschließt sich bei Michael Sailstorfer nur für Eingeweihte: Es ist die nachgebaute Karosserie von James Deans Unfallwagen, eingespannt in Gummigurte.

Andere Reliquien der Schauspielwelt werden zu Requisiten für den Besucher: Der berühmte Künstlerbaum von Giacometti, den er für Samuel Becketts Pariser Godot-Inszenierung fertigte, Brechts Präsenz in einem Mutter-Courage-Wagen und ein Fass aus den Kammerspielen würden enorm zur Selbstreflektion auf dem Ausstellungsparkett beitragen - wenn man denn auch dementsprechend informiert werden würde. Wesentlich plakativer führt da Henrik Plenge Jakobsen mit seinem qietschbunten Zirkus die Funktion von Bühnen und Illusionen vor Augen.

Showeffekte also: Sie können Aussagen komplett umdrehen, aus einem altehrwürdigen Madrigal des 16. Jahrhunderts Schwulst für eine Boygroup machen. Benny Nemerowsky Ramsay demonstriert mit perfekten Klischees und Ironie in vierfacher Ausführung selbst, wie Gefühle vermarktet werden. Nahtlos schließt sich daran der letzte Biennale-Film "Mandarin Ducks" von Jeroen de Rijke und Willem de Rooij an: Die niederländischen Serienstars weichen nur geringfügig ab vom Standardformat. Doch dadurch zeigen sie unerträglich nah, schleppend und hinterrücks, wie schrecklich Beziehungskisten auch im Film sein können. Seelische Grausamkeiten erheitern also den Feierabend.

Fast aber ist einem dieser handfeste Emotionsmissbrauch noch lieber als das unerklärbare "Something to love - Etwas zu lieben", das Jesper Just offeriert. Eine tonnenschwere Vater-Sohn-Beziehung entfaltet sich in Zeitlupe in der Tiefgarage. Eine kurze Affäre im Aufzug kann diese tragische Verbundenheit nicht unterbrechen. Was sich wie Medizin für Gefühlsjunkies anlässt, wird kurzerhand wieder entzogen. Das emotionale Wohnzimmer für Voyeure verursacht im Kunstbau deutliche Magenschmerzen.

Bis 9. Juli, Di.-So. 10 bis 18 Uhr, Tel. 089 / 23 33 20 00. Katalog: 22 Euro

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