Vernarbte Wundränder

- Der Altstadtring hat vor allem im Bereich zwischen Maximilian- und Prinzregentenstraße eine klaffende Wunde in den Stadtkörper geschlagen. Trotz kleinerer Pflaster, in den vergangenen Jahrzehnten angebracht, ist das Lehel immer noch massiv von der Innenstadt abgetrennt. Franz-Josef-Strauß- und Karl-Scharnagl-Ring sind Rennbahnen für Autos, Fußgänger verirren sich kaum hierher.

<P>So lange die Ruine des Armeemuseums stand und baumbestandene Freiflächen die Weite eines Angers boten, konnte man noch hoffen: Vielleicht wird eines Tages diese städtebauliche Wunde geschlossen oder wenigstens sauber genäht werden. </P><P>Die Stadt München hat viel versäumt</P><P>Der erste Schock, der diesen Status quo erschütterte, war der ursprüngliche Entwurf einer gigantischen Staatskanzlei. München kämpfte wie wild um eine Reduzierung des Bauvolumens, denn die Idylle des Hofgartens war gefährdet. Für die Auto-Ödnis Ring kämpft niemand. Offenbar ist die Haltung: Was kaputt ist, kann ruhig so bleiben. Ein paar Schmuckstückchen für des Münchners und Touristen Herz hat man zu bieten, der Rest ist egal. </P><P>Ab und zu gibt es Scheingefechte um Hochhäuser, die womöglich die Stadtsilhouette verschandeln könnten - als ob das viele Menschen tangieren würde. Aber um die echten und durchaus häufigen Probleme Münchens kümmert sich kaum jemand: zu viele Büros, zu wenige Wohnungen, trostlose Gewerbegebiete, zugebaute Gartenviertel, kaum menschenfreundliche und ästhetisch anspruchsvolle Baukunst. Das alles würde ja auch enormes Engagement der Kommunalpolitik bedeuten, die Überzeugungsarbeit bei Bauherrn und Architekten leisten, aber auch selbst planerische Fantasie und Sensibilität (inklusive sanftem Verordnungs-Druck) walten lassen müsste.<BR><BR>Die Chance am Scharnagl-Ring ist nun endgültig vertan. An der Ecke Christophstraße (auf der Lehel-Seite) hat sich die Münchener Hypothekenbank von "Lanz Architekten" ein Bürogebäude errichten lassen, das sich bis zur Seitzstraße am Ring entlang hinzieht. Gegenüber wird gerade das zweiteilige Hofgartenpalais von "Hilmer & Sattler" (Bayerische Hausbau) fertiggestellt, das sich von der Hofgarten- bis zur Herzog-Rudolf-Straße erstreckt. </P><P>An der Ring-Rundung haben die Architekten mit Blick auf die Staatskanzlei jeweils eine Art Kopfbau als dominierenden Akzent gesetzt: Lanz eine verglaste "Stirn" mit teilweise vorgeblendeten Glas-Lamellen. Hinter dieser Eingangshalle kann man noch die sympathische Kleinteiligkeit der Wohnhäuser des Lehels erkennen. "Hilmer & Sattler" einen leicht abgetreppten, sandsteinfarbenen Klotz, der für sich allein positioniert ist. Wer zwischen ihm und seiner langen Flanke am Scharnagl-Ring hindurchblickt (aber wer geht hier schon spazieren?), kann die Maximilianstraße erspähen. <BR><BR>Es sind also neben den vielen vorhandenen mittleren und sehr großen Bürobauten (metallic-graues Monster an Ring Ecke Maximilianstraße), neben Staatskanzlei und Max-Planck-Institut weitere Büro-Container entstanden. Sie sind zwar architektonisch verbrämt, aber in Masse und horizontaler Ausdehnung nicht bewältigt. Obwohl sie ganze Straßenzüge beherrschen, ist ihnen optische Reizlosigkeit erlaubt worden. Die Stadtverwaltung hat versäumt einzugreifen, um die Anhäufung solcher Bauten zu verhindern. Und wenn sie sich schon dem Investoren-Diktat beugt, dann hat sie doch versäumt, intelligent zu gestalten und mit Hilfe dieser Bauten die Wunde Altstadt-Ring zu glätten.<BR><BR>Jetzt aber sind die Wundränder beängstigend vernarbt. Wo menschliches Maß von Nöten wäre, gibt es nur waagerechte Endlos-Riegel. Das Bank-Haus besteht aus durchgehenden, horizontalen Fenster- und hellen, fast weißen Mauerbändern. Der Eindruck des Allzu-lang-gezogenen wird dadurch noch verstärkt, ihm wird überhaupt nichts entgegengesetzt. "Hilmer & Sattler", die architektonisch das zeigen, was man jetzt in Berlin recht häufig "trägt", versuchen wenigstens, durch vertikale Wandvorsprünge, kleine Fältelungen gewissermaßen, die langweilende Waagerechte aufzulockern. </P><P>Die glatte, unterbrechungslose Fassadenfläche wird damit ein bisschen aufgeraut. Ohne wahren Erfolg, denn breitschultrige Formen wie die Fenster-Dreiteiler arbeiten dem wieder entgegen. Da ist eine Architektur entstanden, die nicht recht weiß, was sie wirklich will. Wie überhaupt beide Teams eisern das gängige Vokabular benutzt haben, um ja nichts wagen zu müssen.<BR><BR>Dass man auch ausladende Repräsentativgebäude durchaus abwechslungsreich gestalten kann, beweisen die Bürklein- oder Riedel-Bauten um die Ecke an der Maximilianstraße. Dort wird die Horizontale durch energisch vorgetragene senkrechte Bauelemente vor Eintönigkeit und unangenehmer Dominanz bewahrt. Natürlich will niemand die Zeit ins 19. Jahrhundert zurückdrehen, auch nicht architektonisch. Aber man darf sich doch fragen, warum solche Bauaufgaben heutzutage meist lieblos und nichts sagend gelöst werden.<BR><BR><BR></P>

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