Vernarrt in die Literatur

- Seine größte Leistung, so steht zu lesen, bestand darin, "die Literatur als gesellschaftliche Tatsache im allgemeinen Bewusstsein etabliert zu haben". Marcel Reich-Ranicki, der morgen 85 Jahre alt wird, ist der einzige Popstar des Literaturbetriebs, ein Kritiker-General, der mit dem ihm eigenen apodiktischen Grundton befindet: "Es gibt Literatur ohne Kritik, aber keine Kritik ohne Literatur." Und natürlich ist er ein vorzüglicher Kritiker-Darsteller, dessen Urteile eindeutig sind, oft aber die Grenze zwischen Verriss und einer auf den Autor zielenden Kränkung überschreiten wie seinerzeit im Fall von Günter Grass und seinem Fontane-Roman "Ein weites Feld".

<P>Reich-Ranickis Autobiografie "Mein Leben", erschienen im Herbst 1999, war ein Bestseller, der viele seiner deutschen Leser ins Mark traf. Es ist der Bericht eines jüdischen Intellektuellen, Jahrgang 1920, geboren in Wloclawek, aufgewachsen in Berlin, 1938 nach Polen ausgewiesen. Ein junger Jude aus dem Warschauer Getto, den ein polnisches Ehepaar vor den Deutschen versteckt. Einer, dessen Eltern in den Krematorien von Treblinka verschwanden. Einer, der mit seiner jungen Frau, der gleichaltrigen Teofila, aus der Todes-Kolonne entfliehen konnte. Es ist dies eine Vita, die bitter erkämpft worden war, über die sich Reich-Ranicki nicht öffentlich verbreitet hat. Aber es waren Attacken, die Wunden hinterließen, auch Freundschaften zerstörten - wie die zu Walter Jens. <BR><BR>Reich-Ranicki ist durch die Getto-Erfahrung gezeichnet: "Von Anfang an fiel ich aus dem Rahmen, ich war ein Außenseiter. Ich passte nie ganz zu meiner Umgebung." Davon konnten sich die Zuschauer bei einer Fernsehdiskussion mit dem früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am Abend des 8. Mai einmal mehr überzeugen, als von Weizsäcker sein Gegenüber im Kommandoton anherrschte: "Jetzt rede ich!"<BR><BR>Reich-Ranicki freilich, dessen Suada beim "Literarischen Quartett" beträchtlichen Unterhaltungswert garantierte, weiß um den Gehalt jenes Friedrich-Sieburg-Wortes: Wer nicht unter Literaten gelebt hat, der kann nicht wissen, was Hass ist. Er selbst kann hassen, aber auch lieben. Marcel Reich-Ranicki liebt vor allem die Literatur, die Welt der Bücher, in die er vernarrt ist.<BR></P><P><BR> </P>

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