Verplemperte Geschichte

- In Rom liegt Schnee; der Verschwörer trägt rote Handschuhe; im Hinterzimmer gibt's konspirative Treffen; Verhöre samt Erschießungen sind an der Tagesordnung; immer wieder werden Gräber ausgehoben; in der Bühnenmitte dreht sich Palladios Fassade des Teatro Olimpico. Das alles und noch manches mehr ist Jürgen Flimm zu Mozarts früher Oper "Lucio Silla" eingefallen, die am Dienstagabend als Festspiel-Koproduktion mit dem Teatro La Fenice, Venedig, in der Salzburger Felsenreitschule Premiere hatte.

Bei der Mailänder Uraufführung 1772 dauerte die Seria ganze sechs Stunden. Gefühlte sechs waren's jetzt auch in Salzburg, obwohl realiter, samt Pause, dem Zuschauer nur drei "gestohlen" wurden. Was Flimm, der künftige Salzburger Festspiel-Intendant (ab 2007), hier veranstaltete, ist schlichtweg ein Graus.

Er müllt die Bühne zu, schürt blinden Aktionismus und versucht erst gar nicht, Szene und Musik in eine sinnstiftende Beziehung zu bringen. Zugegeben, die 40 Meter breite Felsenreitschule ist ein schwieriger Ort, an dem Flimm übrigens schon vor einigen Jahren mit Purcells "King Arthur" scheiterte. Doch am venezianischen Grundkonzept hielt der Regisseur fest: Das Teatro Olimpico betrachtet er als schöne Schein-Fassade für Sillas Welt, um die herum er die "Stadt" gruppiert, im Hintergrund abgeschirmt von einem transparenten Landschaftsprospekt (Bühne: Christian Bussmann).

Statt sich auf die sechs Protagonisten zu konzentrieren, die Interaktionen zwischen ihnen plausibel zu machen, ihre Affekte, vielleicht sogar ihre Psyche zu beleuchten und Intimität zu stiften, flieht Flimm in Simultan-Handlungen, (zer-)stört die Arien mit Rand-Aktionen, lässt Tänzer durch die Szene springen. Und verplempert dabei die ganze Geschichte, deren Glaubwürdigkeit er mit Sillas per Dolch erzwungener Amnestie zu retten versucht. Immerhin gibt es in der Felsenreitschule Übertitel, doch ob der Zuschauer, der das Seria-Grundmuster noch nicht verinnerlicht hat, wirklich durchsteigt, ist zu bezweifeln.

Die Sänger wirken in ihrem, von Flimm offenbar bevorzugten, bunt-beliebigen Klamotten-Mix (Birgit Hutter) ziemlich konturlos, fast allen fehlt das stimmlich Charakteristische. Vernachlässigt von der Regie und zumindest teilweise überfordert von der Musik und vom Raum, verbreiten sie keine Festspielstimmung.

Farbige Wiedergabe

Roberto Saccà` bringt als stückbedingt unterbeschäftigter Macho-Titelheld mit seinem beweglichen, baritonal timbrierten Tenor und den feuerroten Hosen immerhin Farbe ins Spiel. Die fast vergewaltigte Giunia von Annick Massis wirkt leider auch in ihren verwischten Koloraturen leicht anämisch. Darin schneidet Julia Kleiter als zwar steife Celia mit hübschem Sopran besser ab. Als junge Römer konkurrieren Monica Bacelli (Cecilio) mit leicht gaumigem, nicht wirklich tiefensicherem Mezzo und Veronica Cangemi (Cinna), heller im Timbre, flexibel, aber in der Stimmführung nicht ausgeglichen. Als Aufidio bewährt sich Stefano Ferrari mit schönem lyrischen Ton.

Das Publikum war noch beglückt vom Mozart-Klang des Vorabends ("Re Pastore" unter Hengelbrock), da überraschte der 31-jährige Tomá´s Netopil (anstelle des verstorbenen Marcello Viotti) am Pult der venezianischen Musiker selbst Skeptiker: Die Erfahrungen der Originalklang-Bestrebungen zumindest im Hinterkopf, schlug er mit einer farbigen, akzentuierten Wiedergabe einen passablen Mittelweg ein. "Mozart 21" ist abgehakt und Flimms Versicherung, künftig in Salzburg Intendant und nicht Regisseur zu sein, hoffentlich ernst gemeint.

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