Verrückter Bord-Computer

- Vielleicht ist es sinnvoll, sich die Ur-Szene der Tiroler Gebirgler-Saga "Geierwally" kurz auf den inneren Bildschirm zu rufen: Eine junge Lechtalerin seilt sich an einer Felswand ab, um ein Adlernest auszuheben. Und weil Anna Knittel eine begabte Malerin war, hat sie ihr mutiges Abenteuer großformatig ins Bild gesetzt. Die Autorin Wilhelmine von Hillern fühlte sich von der archaischen Kraft dieses Frauenbildes angezogen und erfand mit ihren barocken Mittel eine Geschichte dazu, die sie im Stil einer Heimatromanze spielen ließ.

Wir sind verabredet mit Brigitte Hobmeier, die in Christian Stückls Neuinszenierung das Titelweib spielt und der man diese tollkühne Tat nachsagt. Premiere ist am Freitag im Münchner Volkstheater. Eine Figur, die schwer trägt an ihren Klischees. Herbe Dorfheroine, trotziges Alpenröslein, in Liebesnot geratene Bauerstochter. Der NS-Heimatfilm mit Heidemarie Hatheyer hat das Rebellische mit einer weiteren Schmierschicht überzogen und nachhaltig als Heimatschnulze in Verruf gebracht. Zuletzt plünderte Walter Bockmayer den Stoff für eine grelle Genre-Parodie. <BR><BR>Im "Volksgarten" an der Brienner Straße, ganz hinten in einer Nische, sitzt eine junge Frau bei einer Tasse grünen Tee. Schmaler Körper, hohe Stirn, blasser Teint. Ein Gretchen oder Käthchen. Eine Idealbesetzung für Dramen-Damen im Diminutiv. Denkt man. Bis sie zum ersten Mal in ein nicht enden wollendes, schallendes Gelächter ausbricht. Wobei schallend ein zu schwaches Wort ist. Allein das Echo dürfte noch nicht flugbereite Adler zu spontanen Nestflüchtern machen. Der Grund ihres Lachens: eine wirklich dumme Frage. Warum Sie ans Volkstheater gegangen sei? <BR><BR>Die Frage war schon im Ansatz falsch. "Wir Jungen suchen uns kein Theater aus. Wir sind doch froh, wenn wir überhaupt zum Vorsprechen geladen werden!" Dabei fixiert sie ihr Gegenüber, als wolle sie sagen: Ausrufezeichen nicht vergessen! Ihre Vita ist geradlinig. Geboren und aufgewachsen in München. Schauspielstudium an der Folkwang-Hochschule in Essen. 1999 engagierte sie Peter Stein für sein Faust-Projekt. "Bei Stein hatte ich zwei Jahre lang als Nymphe sechs Zeilen Text." Wobei sie ein durchaus zärtliches Verhältnis hat zu diesen Kurz-Auftritten. Und zu Peter Stein und dem alten Schaubühnen-Ensemble. <BR><BR>Sie spricht von dieser Zeit als eine Art Aufbaustudium. "Auf der Schauspielschule habe ich vielleicht sprechen gelernt, aber Peter Stein hat mir klar gemacht, dass ich wissen muss, warum und wie ich einen Satz sage. Er hat mir gezeigt, dass Sprache ein Instrument ist." Danach arbeitete sie mit Klaus Michael Grüber. "Immer wenn auf der Bühne mein Bord-Computer verrückt spielt, dann erinnere ich mich an diese Lektionen. An Steins kategorisches ,Denk nach!` und an Grübers Geleitwort von der ,Einzigartigkeit des Menschen`." <BR><BR>Zurück zur Geierwally. Welche Kraftlinie verbindet ihre zivile Existenz mit dieser zielgerichteten, klarsichtigen Frau? Pause. Lange Pause. Donnerndes Gelächter. "Ich glaube, ich habe auch ein Autoritätsproblem." Was dann folgt ist eine scharfe Analyse ihrer Figur. Vom "Ausbrechen aus dem Regelwerk" ist die Rede, von ihrem ins Wahnhafte gesteigerten Leidenschaftskult um den Jäger Josef. "Was ist, wenn ein Mensch die Liebe nicht lernt?" Schnell schiebt Brigitte Hobmeier ihrer Frage einen erklärenden Grund hinterher. Die Geierwally sei ja mutterlos, in einem rauen Männerhaushalt groß geworden. Ohne Gesten und Worte der Liebe. Der Schluss sei für sie noch nicht ganz gelöst. "Mir ist nicht klar, ob die Geierwally ein größeres Problem mit der Lüge oder mit der Wahrheit hat." <BR><BR>Eine wie Brigitte Hobmeier kann eigentlich nur ein Problem mit der Lüge haben. Und irgendwie ist es auch unwichtig, ob Christian Stückl die beiden Liebenden zueinander kommen lässt. Hauptsache, seine Geierwally hat am Ende was zu lachen. <BR>

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