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Von dumpfer Gewalt und seelischen Versehrungen erzählt diese fragmentarische „Turandot“ – hier Rachael Tovey in der Titelrolle mit Vincent Wolfsteiner als Calaf (hinten).

Premierenkritik

Versatzstücke des Grauens

Nürnberg - Puccinis „Turandot“ am Staatstheater Nürnberg in der Regie von Abonnentenschreck Calixto Bieito - die Premierenkritik.

Über 16 Stunden schuften pro Tag, eine lausige Bezahlung, dann auch noch Gift im Plastik, das ist natürlich von Nachteil. Dafür sind die Puppen made in China schön billig – und werden auch von deutschen Händlern und Kunden gern genommen. Wie es hinter der Fabrikfassade zugeht, das möchte man sich lieber nicht ausmalen. Es sei denn, man bekommt es zu Gesicht wie jetzt in Nürnberg.

Ein Brutalosystem in Fernost, angeführt von einer am Männertrauma leidenden Prinzessin, die ihre Freier nach erfolglosem Fragespiel um einen Kopf kürzer macht, das könnte man politisch nehmen, tiefenpsychologisch, klassenkämpferisch – oder von allem ein bisschen, wie es jetzt Calixto Bieito am Staatstheater vorführte.

Dass die Nürnberger den katalanischen Regie-Star verpflichten konnten (auch für weitere Projekte), ist eine PR-trächtige Sache. Koproduziert wird mit Toulouse und Belfast, aber immerhin: Die Franken haben das Recht der ersten Nacht. Turandot ist bei Calixto Bieito, Rebecca Ringst (Bühne) und Ingo Krügler (Kostüme) die Firmenchefin eines Betriebs, in dem blaumanntragende Arbeiterinnen und Arbeiter vor riesiger Kartonwand nur noch anonyme Masse sind. Und in dem ein Sonderling, Calaf, meist an der Rampe sitzt und sich dem System verweigert (was Prügel und Fesselungen provoziert) – oder vielleicht doch nur alles als Alpdruck erleidet?

So genau feststellbar ist das in dieser Bieito-Produktion nicht. Immer mehr entfernt sich der Abonnentenschreck nicht nur vom Blut-Schweiß-Sperma-Klischee, das ihm seit frühen (Un-)Taten anhaftet, sondern auch von so etwas wie einer linearen Erzählung. Bloßes Oratorium vor allem im ersten Akt, schematische Choreographie, aufgepfropfte Charaktere statt von innen entwickelte Figurenschauen, das alles könnte man Bieito vorwerfen. Auch, dass er passagenweise zu routiniert die Chiffren des Terrors abarbeitet. Und doch: Die Aufführung lässt einen nicht los. Weil sie auf eine eigentümliche Weise die Spannung hält – auch wenn man bei einigen Einfällen nicht so genau nach der Logik fragen sollte. Bieito arbeitet mit Versatzstücken des Grauens, mit Andeutungen, ohne bis ins Detail zu erklären oder fortzuspinnen. Stimmungsmache ist wichtiger als Personenanalyse, Dekoratives entscheidender als Durchdringung.

Die Minister als brutale Generäle (die zu Beginn des zweiten Akts im weißen Kleid ihre Homoerotik kurz ausleben), der Kaiser als halbnackter Eremit, der sich mit dem Inhalt einer Urne beschmiert, Turandot, die am Ende Puppen zerpflückt, und zwischen allen ein manchmal lächelnder, wie somnambuler Calaf, ein reiner Tor im Gewaltexzess, ein italienisch-chinesischer Cousin von Wagners Parsifal. Einzelmomente sind das, atmosphärisch starke, ritualhafte Bilder, die von dumpfer Gewalt, seelischen Versehrungen und erkalteter Liebe erzählen. Und die dem Zuschauer gegenüber offen und unausgefüllt bleiben, um viel Raum zu lassen für Puccinis monumentale Musik.

Wobei monumental: Dirigent Peter Tilling missversteht einiges. Der erste Akt schleppt sich mit Tempi dahin, die Solisten und Chor die Kräfte rauben. Dramatik wird gleichgesetzt mit Dynamik, da lässt sich Tilling mit der Staatsphilharmonie Nürnberg zu sehr vom Instrumental-Überangebot verführen. Manches klingt zu diffus, zu wenig auf Kante und Präzision gespielt. Dass Puccini die Musik bis zur Skelettierung treibt, dass ein böser buffonesker Ton die Ministerszenen durchzieht, dass die Chornummern immer schneller um sich selbst und in den Irrsinn kreisen, davon erfährt man an diesem Premierenabend zu wenig.

Vincent Wolfsteiner ist als Calaf Mittelpunkt des Abends. Nicht nur, weil er mit seinen Rampenaufenthalten ganz nah ans Publikum gerückt wird, sondern weil er die Partie mit Prachtstimme und nur am Ende leicht erlahmender Kondition meistert. Rachael Tovey ist – nach nervösen Momenten im Monolog – eine Titelheldin mit biegbaren Stahlstimmbändern, Hrachuhí Bassénz wird als Liù von der Regie eher allein gelassen, führt dafür eine klangvolle, apart dunkle Lyrik ins Feld. Chor und Extrachor werfen sich mit Riesenengagement in die Aufführung, sodass den ersten Parkettreihen fast das Knalltrauma droht.

Gespielt wird, ein lohnender Tipp auch für andere Theater, in einer Stunde, fünfzig Minuten ohne Pause. Und ohne Finale: Wie in München endet diese „Turandot“ mit dem Tod Liùs, mit dem im Piano verdämmernden Ruf „Poesia“ – mit den letzten Takten des darüber gestorbenen Meisters also, nicht mit einem von wem auch immer nachkomponierten Finale. Allein bleibt die Prinzessin auf einem Puppenhaufen zurück. Calaf versucht noch, einzelne Arbeiter aus dem Raum zu zerren – vergeblich. „Turandot – Ein Fragment“ nennt Calixto Bieito diesen Abend. Musikalisch ist das in erster Linie gemeint. Und könnte doch auch als listige Entschuldigung für kleine Regie-Leerstellen gelten.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen

9., 12., 19., 26., 28.10.;

Telefon 01805/ 23 16 00.

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