Verschärfter Minnedienst - Lars Brandt über seinen Roman "Gold und Silber

München - Als Schriftsteller wurde Lars Brandt 2006 bekannt: In "Andenken" beschrieb er seine Sicht auf seinen Vater Willy Brandt, den ehemaligen Bundeskanzler. Heuer stellte der 56-Jährige bei der Leipziger Buchmesse seinen noch druckfrischen Roman "Gold und Silber" (Hanser; 19,90 Euro) vor.

Ein Maler erzählt darin sein unkonventionelles Leben mit seinen Künstlerfreunden. Beim Versuch, wie Lancelot in der Artussage eine Ginevra zu erobern, wird er auf faszinierende Weise auf sich selbst zurückgeworfen.

Sie sind Maler, Filmemacher und Schriftsteller. Was war zuerst, und wie beeinflusst es sich?

Mich interessierte beim Malen wie beim Schreiben immer die Stelle, wo Sprache und Bild zusammentreffen. Mal sind die Bilder mehr im Vordergrund, mal ist es die Sprache, spannend ist die Schnittstelle von beidem. Die logische Fortsetzung davon sind Filme, in meinem Fall Dokumentarfilme, und zwar fürs Fernsehen. Dazu brauche ich Partner in den Redaktionen. Sie zu finden, wird nicht leichter. Also bleibt vieles, das ich schon durchdacht und ausgearbeitet habe, unrealisiert.

Für die im Roman beschriebene Gruppe von Künstlern verwenden Sie das Motiv einer Kette von Menschen, angeordnet wie ein Scherenschnitt. Auf dem Buchcover ist es abgebildet: eine Szene aus dem Film "Das siebente Siegel" von Ingmar Bergman. Gab sie die Idee für die Ausgestaltung des Romans?

Nein. Aber sie stand mir beim Schreiben vor Augen. Der Roman sollte etwas Tanzartiges haben, von einem magischen Realismus getragen sein - Motive wie den mittelalterlichen Totentanz aufgreifen, in einer ornamentalen Erzählform. "Gold und Silber" ist eigentlich ein Ritterroman, in unsere Zeit transponiert. Erzählt wird von einem Milieu, das der aggressiven Anmaßung die Stirn bietet, die alles in Geld bemisst, alles und jeden für käuflich erklärt. Ich erfand daher eine Gruppe von Leuten, die dadurch frei sind, dass sie eine Bindung haben: an ihre Ehre. Das macht sie zu Rittern. Was ihnen wertvoll ist, legt nicht der Markt fest. Aus der Silhouette ihres Reigens ragt eine Figur heraus: Rudi, der Ich-Erzähler. Während die anderen wie in einer mittelalterlichen Erzählung als lebendige Embleme fungieren, wie Wappen auf einem Schild, ist Rudi eine vollplastische Figur, in sich gebrochen, nicht frei von neurotischen Zügen. Er sieht sich als Lancelot, seine Ginevra hingegen bleibt unerreichbar. Das hindert ihn freilich nicht, in verschärften Minnedienst zu treten.

Hat das facettenhafte, abschnittweise Erzählen etwas mit dem Blick des Malers zu tun?

Das ist gut möglich. Das ornamentale Nebeneinanderstellen vermeidet die bürgerlichen Hierarchien im Erzählen. In Wahrheit ist - wie in Film und Malerei - alles gleich wichtig. Das ist die gemeinsame Basis von Zauberei und Realismus

Sie machen sich im Buch über einen dogmatischen Filmemacher lustig. Ist das eine ungeliebte Seite von Ihnen oder ein branchentypischer Vertreter?

Das ist eine Überspitzung aus der Sicht des Ich-Erzählers. Trotzdem wird deutlich: Für Jarl sind die Pausen in seinem Film etwas wie der Heilige Gral. Ein geheimnisvolles Kraftzentrum. Jarls Bewusstsein für Pausen ist ironisch dargestellt, aber nicht falsch.

Sie arbeiten in Ihrem Roman selbst mit häufigen Pausen. Warum dieses?

Nicht die immer ausführlichere, krassere Darstellung erzeugt die größte Wirkung. Die Frage ist: Was geschieht im Kopf des Lesers? Man soll nicht versuchen, es ihm vorzubuchstabieren. Märchen sind von diesem Wissen getragen, oder etwa Heinrich Hoffmanns "Fliegender Robert" mit seinen wenigen unexpressiven Bildern.

Wie haben Sie, der Sie familiär nicht gerade vorgeprägt waren, Ihre künstlerische Ader entdeckt?

Ich habe früh angefangen zu schreiben und zu malen. Damals liefen auch noch richtige Filme im normalen Kino, nicht nur im Filmclub, sogar im Fernsehen zur Hauptsendezeit. Jeder Film von Buñuel war ein breit wahrgenommenes Ereignis, zugleich ein individueller Widerstandsbeweis. Eine anarchische Ermutigung. Jeder Fellini, Bergman, Cassavetes war das. Mit 17 habe ich das erste Buch von H. C. Artmann gelesen, auch ein radikaler Künstler, über den ich 30 Jahre später einen Film drehte.

Eine Frage drängt sich auf, obwohl sie thematisch zu Ihrem vorigen Buch gehört: Wie ist es für Sie, in Leipzig aus dem Hauptbahnhof zu treten und sogleich auf dem Willy-Brandt-Platz zu stehen?

Mir ist ganz egal, ob das der Brandt-, der Adenauer- oder der Thälmannplatz ist.

Sie haben in "Andenken" den Unterschied zwischen Ihrem Vater und Ihnen beschrieben: seine Öffentlichkeit, Ihr privates Leben. Wie geht es Ihnen jetzt mit immer stärkerer Aufmerksamkeit für Sie?

Ich habe kein Problem mit Öffentlichkeit. Wenn ich einen Roman schreibe, ist die Öffentlichkeit nichts, was ich fliehe. Ich suche sie.

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