Verschleierte Kapitulation

- Der Rausch will sich nicht einstellen. Da hilft die Flasche Wein auch nichts, die am Ende seiner Rachemission Dionysos so im Vorbeigehen dem alten Teiresias zuwirft. Der, hier einmal kein Blinder, sondern nur ein bebrillter Existenzialist, steht angesichts dessen, was er bei den Bakchen gesehen und was sich gerade vor seinen Augen abgespielt hat, ganz schön bedripst am Rand der hinteren Bühne herum. So dass es kein Wunder ist, dass ihm die vorbeiziehende Bakche die Flasche wieder aus der Hand nimmt. Nüchtern soll der Intellektuelle auf die Gegenwart blicken, und die ist fürchterlich.

Er sieht die Königsmutter Agaue - ein kokettes Bündel, das beim erhellten Saal das Publikum "anmacht"; eine Frau, die schließlich erkennt, nicht einen Löwen, sondern ihren Sohn Pentheus zerrissen zu haben. Hildegard Schmahl absolviert diesen Auftritt mit mindestens 150 Prozent und rutscht so in ziemliche Peinlichkeit ab. Da bahrt sie die Reste des Leichnams auf dem Küchentisch auf, lässt Wasser in die Badewanne, steigt hinein, duscht sich das Blut vom Körper, zieht sich einen Männeranzug an, schlägt mit Fäusten auf Dionysos ein, der das mit einem Fußtritt quittiert, brüllt wie ein Marktweib mit dem alten Kadmos, ihrem Vater, herum, der wie sie auf Geheiß des Gottes aus Theben vertrieben wird. Und hinter der durchschimmernden Glaswand flattert ein Vogel vorbei. Pentheus hatte, um Teiresias zu strafen, dessen Vögel töten, sie an die Palastwand klatschen lassen. Nun sieht's doch wieder nach neuem Leben aus. Dionysos und seine Gespielinnen, zwei Bakchen, verlassen den Ort.

An den Münchner Kammerspielen inszenierte Jossi Wieler die Euripides-Tragödie "Die Bakchen" in der widerstandslosen, auf Vers und Rhythmus verzichtenden Übersetzung von Kurt Steinmann. Der Zufall gründlicher Programm-Planung wollte es so, dass innerhalb kürzester Zeit dieses Stück an der städtischen Bühne und am Residenztheater herauskam. Dort, inszeniert von Dieter Dorn, als archaisches Spektakel mit großem Chor und stampfenden Rhythmen und dem tiefen Fall der Agaue. Hier, an den Kammerspielen, als der Versuch des Regisseurs Jossi Wieler, das antike Drama in die Sphären spätbürgerlicher Trauerspiele zu transportieren. Das gibt der Aufführung einen schicken Anstrich.

Dieser Gott ist auch nur ein müder Knochen

Die Bühne von Jens Kilian: ein heller Raum mit Küchenzeile, Toilette und Badewanne, mit einer Kleiderschrankwand sowie einer breiten Glasfront, hinter der wogende Tannenwipfel zu erkennen sind. Der Palast des Pentheus in Theben steht offenbar also auf einem hohen Gipfel oder Fels. Mühelos dringen die Bakchen da ein: kein Chor, sondern lediglich zwei junge Frauen in schenkelhohen Schlangenstiefeln, mit geheimnisvoll gierig-erotischem Lauerblick. Wie lüsterne junge Stuten bewegen sie sich, neben Sylvana Krappatsch vor allem die interessante Wiebke Puls. Dann wieder wie belehrende Agitatorinnen.

Aber was sind sie in dieser Inszenierung wirklich? Das erschließt sich wie so vieles an diesem Theaterabend nicht. Egal ob zwei oder zwanzig: Die Bakchen sind reale Personen, Frauen, die aus Kleinasien kommend wie Soldatinnen dem Dionysos in kultischer Hingabe folgen. Sie sind keine überirdischen Wesen, als die sie Jossi Wieler hier installiert. Denn in seiner Inszenierung sind sie zwei rosa gewandete Liebesdienerinnen, die nur für Dionysos sichtbar sind. Von den anderen, von Pentheus und dem Boten, werden sie nicht wahrgenommen. Und das, obwohl sie sich sehr engagiert um deren sexuelle Befriedigung bemühen. Und bevor sie später, animiert durch die Berichterstattung des Boten von der Zerfleischung des Pentheus', auf den Küchenstühlen sitzend fleißig sich selbst befriedigen. Woran man sieht: Mit den bacchantischen Fantasien des Regisseurs und dem Rausch des Dionysos ist es nicht weit her. Eine ziemlich traurige Angelegenheit.

Der Gott selbst ist auch nur ein müder Knochen. Robert Hunger-Bühler gibt den abgeklärten Macho im Schlangenmantel. Sein Zauber ist vermutlich seine träge Lässigkeit, die Pentheus verführt, sich in Frauenkleidern den Bakchen auszusetzen. Dies ist übrigens die gelungenste Szene des Abends: die Einkleidung des Königs. Wenn sich im Gesicht André´ Jungs, der einen verklemmten, stillen Herrscher mit aufbrausenden Gewaltausbrüchen spielt, immer mehr die scheue Gier auf den Rollentausch breit macht und er unter dem Dirigat Dionysos' das Gewand der Mutter anzieht, dann steckt in diesem Moment auch etwas von der Lust des Theaters, als dessen Erfinder der Gott ja auch gilt.

Vieles bleibt in dieser Aufführung unklar. Das Zeitgenössische erledigt sich im modischen Anstrich. Die Auseinandersetzung zweier Systeme - das des Pentheus' und jenes des Dionysos' - findet nicht statt. Die Frauen, die hier die Hauptfiguren sind, werden zu Flittchen degradiert. Die antike Vers-Tragödie sperrt sich gegen die profane Form der Prosa des Übersetzers, die die Sprache zwar einfacher, aber deswegen nicht deutlicher macht.

Jossi Wieler schickt zunehmend Nebelschwaden über die Bühne, als wolle er seine eigene Unsicherheit diesem großen Stoff gegenüber vertuschen. Eine verschleierte Kapitulation.

Dass Teile des Premierenpublikums dies sofort mit heftigen Buhs für die Schauspieler quittierten, ist mehr als ungehörig. Der Regisseur mag sie verdient haben. Der heftige, kurze Jubel der vielen anderen wird das gesamte Team trösten.

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