Verschwenderisch wie die Natur

München - „Picasso - Künstlerbücher“: Das Münchner Museum Brandhorst zeigt seine erste Sonderpräsentation

Von simone Dattenberger

Picasso ist die Welt - ist wie die Natur. Unfassbar vielfältig, unglaublich ideenreich, verschwenderisch in den Möglichkeiten, verspielt im besten Sinn und immer vital lustvoll. Im gigantischen Œuvre des Spaniers sind die Arbeiten für und in Büchern Kleinodien von besonderem Reiz. Ihnen widmet das Münchner Museum Brandhorst (Eingang Theresien- Ecke Türkenstraße) seine erste Sonderausstellung unter dem Titel „Picasso - Künstlerbücher“. Das Sammlerpaar Anette und Udo Brandhorst hatten 112 dieser Werke (insgesamt 156) zusammengetragen. Und schon 2002, als die ganze Bandbreite der Brandhorst-Sammlung im Haus der Kunst als „Food of the Mind“ vorgestellt wurde, waren die Betrachter von den Buchpreziosen begeistert.

Museumschef Armin Zweite legte sich daher jetzt schwer ins Zeug, um diesen Schatz auch wirklich als Schatz zu präsentieren und nicht als biedere Bücherschau für die doch eher kleine Gemeinde eingefleischter Bibliophiler. Zweite ließ also das Untergeschoss, außer der großen Halle, architektonisch nachdrücklich umgestalten - in Zusammenarbeit mit den Architekten des Museums, Louisa Hutton und Matthias Sauerbruch. Der Besucher taucht nun in schummrige Kabinette ein, ausgestattet mit hängenden und stehenden Vitrinen und Kästen, als müssten Juwelen zelebriert und zugleich geschützt werden. Die Einmaligkeit wird herausgestrichen, obwohl es sich um Druckwerke handelt. In der Tat sind die Künstlerbücher nicht mit dem üblichen Massenprodukt Buch zu vergleichen. Die Auflage bei Künstlerbüchern bewegt sich zwischen zwei und 200 signierten und nummerierten Exemplaren.

Aus dem Brandhorst-Konvolut suchten Zweite und die verantwortliche Kuratorin Nina Schleif 73 Bücher aus, ergänzt um sieben Leihgaben. Den Auftakt macht ein biografischer Raum, der die Lebens- und Schaffensdaten Pablo Picassos (1881-1973) mit einzelnen Bänden beispielhaft zusammenführt. Gleich zu Beginn das als Frontispiz eingeklebte Foto eines dunkelhaarigen, aufmerksam blickenden Buben mit abstehenden Ohren, drauf die Widmung an Nusch Éluard (1945). Ja, und dann tut sich eben die Welt auf, explodiert auf wenigen Blättern zwischen Farbe und Schwarz-Weiß ein Können, das für 100 hochkarätige Künstler gereicht hätte: Da ist die fragile, fast hingehauchte Linie, die die Formen spinnt, bis ein energiegeladenes Bild daraus hervorspringt. Da ist diese ganz schön energische Linie, die den Menschen kubistisch bricht und dann zusammenbaut, die das Groteske liebt, schon mal den derben Witz und die saftige Erotik. Daneben, wie mit breitem Tuschepinsel süffig hingemalt, ein neoklassisch aufgefasstes Frauenantlitz. Oder das auf archaische Zeichenkürzel reduzierte Ur-Weib von der grob „geschnitzten“ Linolplatte. Das fröhlich bunte kringelige Zeichnen fehlt genauso wenig wie ungegenständliche Liniengeflechte oder die schwarzen Fein-Schraffuren, aus deren Dunkel Gesichter auftauchen, als würden auf einer finsteren Bühne plötzlich ein paar Punktscheinwerfer angehen.

In diesem ersten Raum ist Picasso schon voll da - auch mit all den verwirrenden Drucktechniken von Kaltnadelradierung (direkt ins Metall gegraben) bis Aquatinta (auf die Druckplatte eingeschmolzenes Pulver macht’s malerisch) inklusive Zuckeraussprengverfahren. All das konnte er allerdings nur zur Vollendung führen, weil er kongeniale Verleger und Drucker an seiner Seite hatte, die ihn vielfach anregten. Kuratorin Schleif widmet ihnen zu Recht einen Saal, in dem man die erlesensten Bücher findet. Drucke auf exquisit voluminösem Papier, sodass sie wie ausgeschnitten und aufgeklebt erscheinen. Es entstanden buchstäblich Reliefs, geprägt, bedruckt, durchbrochen, collagiert. Daneben fantasievolle, erlesene Typografie, natürlich Formate aller Art. Hier trafen sich einfach die Besten. Und Picasso sprühte.

Braver Illustrator war er nie. Meist tummeln sich Frauen, Harlekine oder Künstler und Modell, wie es der Meister will. Bei „Lysistrata“ von Aristophanes etwa, bei Prosper Mérimées „Carmen“ oder den „Metamorphosen“ von Ovid, ja, bei ihnen erzählt er Szenen nach, charakterisiert Persönlichkeiten. Und doch geschieht auch hier das Wunder der Freiheit: ein großer, leerer Kreis; innen, winzig nur Punkt, Punkt, Komma, Strich... Aber was für welche! Welch ein Unterschied zu unserem Gestrichel! Ähnlich treffsicher, wie Picasso bei seinen Illustrationen sein konnte, entwickelte er sein „Lehrbuch“ des Stierkampfs, „Tauromachie“, präsentiert in einem Rund-Tempelchen: grandios sachlich, federnd elegant wie der Torero, heiter wie das Leben, kühl wie der Tod. Picasso eben.

Bis 6. März 2011, täglich außer Mo. 10-18 Uhr, Do. bis 20 Uhr; exzellent gedruckter Katalog (Hirmer Verlag): 39 Euro.

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