Verschwindende Welten

- Der erste Eindruck ist - Überwältigung. Bei Bernd und Hilla Bechers Arbeiten eigentlich nicht erlaubt. Denn sie nehmen sich selbst, sie nehmen Emotion, Ereignis, Aktion, Affekt, sie nehmen alles Anekdotische, sie nehmen Personage und Staffage zurück aus ihren Fotografien.

<P>Distanziertheit in Grautönen - selbst dramatisch akzentuiertes Schwarzweiß hat hier nichts zu suchen -, in möglichst einheitlicher Perspektive, bei möglichst nichts sagendem Hintergrund, etwa einem eintönigen Himmel, und in Menschenleere. Die Akteure haben die Szene verlassen. Zurück bleiben ihre Werke. Aber auch die, weiß der Betrachter, sind zum Teil schon verschwunden: Zechen, Kalköfen, Wassertürme, Getreidesilos, kurz: Industriebauten.</P><P>Klassiker der deutschen Fotografie</P><P>Denen ist die Ausstellung "Bernd und Hilla Becher - Typologien" im Münchner Haus der Kunst (Zusammenarbeit mit K20K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf) gewidmet. Sie beweist, dass aus kühler Kunst sehr wohl großmächtiger uvre-Gestus erwachsen kann. Hintersinniger Kontrast zu dem Gebäude aus der NS-Zeit, das so tut, als ob, aber keine wahre innere Größe besitzt. Bei all dem hat Kurator Thomas Weski freilich nicht auf opulente Inszenierung gesetzt. Die Klarheit der Reihen-Bildung, die Strenge von Foto-Blöcken, zum Beispiel drei "Zeilen" à` vier Aufnahmen, ziehen sich in ruhigem Rhythmus durch die Säle, werden zu stillen Wand-Bildern. Darüber kann das Auge gleiten wie über Ornamente, denn auch die sind Wechsel und Gleichförmigkeit in einem. Genauso gleitet unser Auge auch über Industriearchitektur, ohne sie wirklich wahrzunehmen.</P><P>Dieses Sehen-ohne-zu-sehen haben die Bechers für ihr Projekt der "Typologien" genutzt. Sie griffen jenes auf und stemmten sich ihm zugleich trickreich entgegen. Schon in den 50er-Jahren dokumentierte Bernd Becher (Jahrgang 1931) zeichnerisch viele Zechen um Siegen, wo er herstammt. Je häufiger sie geschlossen wurden, umso rascher musste archiviert werden. Deswegen war die Fotografie das bessere Medium -, und Hilla Wobeser (1934 geboren), ausgebildete Fotografin, brachte die Technik mit. </P><P>Die Plattenkamera 13 auf 18 Zentimeter machte präzise Aufnahmen möglich. Was zunächst als dokumentarische, sozusagen geschichtswissenschaftliche Fotografie aufgenommen und gesammelt wurde, wandelte sich durch die Rezeption der Kunsthistoriker in Konzeptkunst. Der Siegeszug durch die Akademien, Museen, Biennalen und documentas begann. Das Ehepaar Becher wurde nicht nur zum Klassiker der Moderne nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch stil- und schulbildend. Ohne die Bechers gäbe es die deutsche Fotokunst, die weltweit hoch geschätzt wird, nicht. Aus ihrem "Stall" kommen "Stars" von Candida Höfer über Axel Hütte bis Andreas Gursky.</P><P>Eine Welt, die im Begriff ist zu verschwinden, verewigten Hilla und Bernd Becher. Da wir Zeitgenossen dieses Verlöschens sind, beachten wir den Wandel kaum. Nur die Auswirkung, die Arbeitslosigkeit, wird diskutiert. Die Industriestruktur, die im 19. Jahrhundert die Dominanz der Landwirtschaft unterpflügte, wird jetzt ihrerseits abgelöst. So wie wir heute nostalgisch auf Fotos von alten Dörfern schauen, werden unsere Nachkommen auf die Bilder der Hochöfen blicken. </P><P>Viele der Typologien, ob von Fabrikhallen, ob von Wassertürmen oder Gaskesseln, ziehen eine Linie vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Da finden sich Backsteingebäude, die historisierend mit mittelalterlichen Burgen kokettieren, Blechdächer von Fördertürmen, die an orientalische Kioske erinnern, oder altväterliches Fachwerk. Zwischen diesen vergangenheitsseligen Bauten und den "modernen" Rohr-Verschlingungen, die scheinbar gar keiner Ästhetik mehr folgen, sind alle Varianten verzeichnet. </P><P><BR>Der wirtschaftshistorischen Linie entspricht die regionale, der die Fotos auch folgen. Nur konsequent, dass das Saarland, Lothringen und die Gegend um Manchester zusammengehören: von der Schwerindustrie geprägte Landschaften, die von dieser "Herrscherin" verlassen werden. Man spürt den Verfall der einst Mächtigen, ihre Hinfälligkeit. Die riesigen Bauten werden zu einem Memento mori der Industriegesellschaft. Sie "leben" zwischen Musealisierung und Abriss. Manchmal konnten da selbst die Bechers nicht der Symbolik widerstehen: Blick über den echten Friedhof hin auf die Bergarbeiter-Häuser.</P><P>Durch das Konzept der Serie verwandeln Hilla und Bernd Becher die Dokumentation in ein Kunstwerk. Dieses greift die Ästhetik der Bauten zwischen Einheit und Detail-Varianten auf und gießt sie in eine klare Ordnung. Die Systematisierung macht den Blick des Betrachters frei sowohl für die Gesamtheit, also die "Typologie", als auch für individuelle Eigenheiten. </P><P>16.6.-19.9., Tel. 089/ 211 27 113; Katalog, Schirmer/ Mosel: 30 Euro. <BR></P>

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