Verschwommene Horizonte

München - Jetzt hat auch das Schauspiel der Salzburger Festspiele seinen Netrebko-Effekt: Zwar ist die britische Oscar-Preisträgerin Vanessa Redgrave keine "Festspiel-Entdeckung" und hat bereits ein vielschichtiges Lebenswerk inklusive gesellschaftspolitischem Engagement vorzuweisen.

Doch mit diesem Weltstar - wie schon mit dem Niederländer Jeroen Willems im vergangenen Jahr - scheint sich das Schauspiel seinen Anteil am Aufmerksamkeit heischenden Promi-Spektakel zurückerobern zu wollen. Vielleicht ist das Gastspiel "The Year of Magical Thinking" ("Das Jahr magischen Denkens") des National Theatre of Great Britain auch eher dem Bestreben verpflichtet, das Programm über das Young Directors Project hinaus für bemerkenswerte internationale Produktionen zu öffnen.

Wobei dann zu fragen wäre, was außer der großen Schauspielerin Redgrave mit ihren 71 Jahren gar so bemerkenswert ist an diesem Solo-Abend. Die US-Autorin Joan Didion erzählt darin von ihrer Trauerphase, über die sie bereits den gleichnamigen Bestseller schrieb. Die meiste Zeit sitzt Redgrave in einem hölzernen Gartenstuhl, das Haar streng zurückgebunden. Ungezügelt bricht das Erlebte aus der so diszipliniert wirkenden Frau, die sie darstellt. Nur die grau-verschwommenen Meereshorizonte zeigen, wie es über ein Jahr lang aussah in ihr, die ihren Mann John durch einen Herzinfarkt und wenig später die Tochter durch eine mysteriöse Infektion verlor. Nach außen hin akzeptiert sie den Tod, insgeheim aber errichtet sie ihre Welt "magischen Denkens": Wenn John wiederkommt, braucht er seine Schuhe; wenn man bei der Autopsie die Ursache findet, ist der Tod rückgängig zu machen . . .

Redgrave spielt das engagiert bis zum Gefühlsausbruch. Und weiß nicht mehr wohin mit ihren langen Gliedmaßen, wenn sie sich alleingelassen fühlt von Mann und Tochter, die sich wechselweise so innig und scheinbar konsequent in Krankheit und Tod folgten. Redgrave öffnet ihr schönes Haar, wenn sie von der Jugend der Frau erzählt; selig blickt sie beim Glockenklang zu Hochzeitserinnerungen. Dass einen das alles recht unbeteiligt lässt, mag auch am etwas befremdlichen anglo-amerikanischen Schauspielstil liegen. Entstanden ist die Inszenierung 2007 am Broadway - und das merkt man ihr auch an. Gar zu kalkuliert und vorsichtig bleibt dieser Abend. Und das bei einem so erschütternden Thema und einer Sprache, die das Unbegreifliche so nüchtern einzufangen vermag.

Nur noch heute:

Landestheater, 19.30 Uhr. Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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