Verschwundener Kolibri

- Tief in die Trickkiste von Magie und Mythos ist gegriffen worden, um diese literarische Geburt zu inszenieren: Ein kleines Dorf im kolumbianischen Hochland stemmt sich gegen die Naturmächte, der Schrei einer sterbenden Frau - eine Zauberin soll sie gewesen sein - verhallt zwischen zwei Donnerschlägen, und ein Kind kommt im gleichen Augenblick zur Welt. Alvaro wird es heißen - von "albus", benannt nach dem weißen Licht, das bei seiner Geburt am Fenster blitzte. Schon meint man das soeben erschienene Buch in die Schublade legen zu können, Abteilung Magischer Realismus, hinlänglich bekannt, in großen Gesten hier heraufbeschworen.

<P>Doch trotz solch fulminanten Auftakts bescheidet sich "Der schlafende Berg" des gebürtigen Kolumbianers Alvaro Escobar-Molina mit der kleinen Form, mit den "kleinen Schätzen": mit Steinen, Vögeln, Schmetterlingen, Pflanzen. Der kleine Alvaro bleibt bis zum Ende des schmalen Bändchens der kleine Alvaro, die Fantasie greift nicht weiter aus als die Schwingen des Kolibris: "Der faszinierende kleine Kolibri steigt hoch und bleibt mitten im Flug stehen. Er kreist um die Blume, um das Blatt, und schnell verschwindet er wieder."<BR><BR>Seit zwanzig Jahren lebt Escobar-Molina in Paris, lehrt Psychologie und ist tätig als Kliniktherapeut. Mit seinem ersten Roman schreibt er sich zurück in die Kindheit und in die Cordillera, in die kolumbianischen Anden, die einmal seine Heimat waren. Jäh stürzt Alvaro aus dieser von kindlichen Vorstellungen und Sagen der Großeltern durchwirkten Landschaft: Der Roman endet, als Guerilla-Horden, die "Violencia", gegen Ende der 40er-Jahre mordend durch die abgelegenen Landesteile ziehen. Sozusagen aus der Hosentasche erzählt Escobar-Molina, aus den Taschen Alvaros, der darin seine Kieselsteine hortet und sie durch die Finger gleiten lässt. Aus diesen erwachsen die Berge, ein einfaches Heim und ein Familienidyll, erwächst die im Traum vom mystischen Eins mit der Natur aufgehobene Vergangenheit.<BR><BR>Durch die kleinen, schweigenden Zwischenräume schmuggelt der Erwachsene sein Erzählen, seine schlichte Sprache in die Kindheit zurück: "Da bin ich: zwischen den Wörtern, in den Leerräumen, zwischen einer Sache und einer anderen, zwischen einem Haus und dem nächsten, einem Baum und seinem Nachbarn, einem Lachen und dem, der darauf antwortet." Der psychische Realismus Escobar-Molinas liest sich wie eine kindliche Wiederverzauberung der Welt - mit ruhiger Hand geschrieben, wenn auch etwas selbstverliebt in das Kind als fantastischen Sonderling.</P><P>Alvaro Escobar-Molina: "Der schlafende Berg"<BR> Aus dem Französischen von Elisabeth Ranke<BR> Piper Verlag, München, Zürich<BR>147 Seiten, 15,90 Euro.<BR></P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Alvaro Escobar-Molina: "Der schlafende Berg" </P>

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