Aus Versehen am Galgen

- Nein, Mario Adorf ist keiner von denen, die "die Federn eines Kopfkissens nummerieren und zu einem schönen Federkleid zusammenkleben". Mario Adorf, Jahrgang 1930, ist ein "unordentlicher" Autobiograf, wie er selbst findet. Einer, der die Erinnerungen so aufschreibt, wie sie kommen, der nichts beschönigt oder auslässt, nur weil es nicht in die "organische Form" passt. Erinnerungen folgen keiner Chronologie. Sie gehen durcheinander wie Kraut und Rüben - oder wie Äpfel und Kartoffeln. Vermengt ergeben Letztere nämlich ein rheinisches Gericht, das so heißt wie die gerade erschienenen Memoiren des Schauspielers: "Himmel und Erde". Eine schöne Metapher, eine autobiografische noch dazu, verbindet sie den Autor doch mit seiner Kindheit in der Eifel.

<P>Das Waisenhaus und die Bardot, ein schweigender Rainer Werner Fassbinder und der geliebt-einschläfernde Michelangelo Antonioni, die Schießpulver-Splitter und der glückliche Eisbär, dann Hutton und Heston in Mexiko - nach Lektüre dieser Ereignisse und Anekdoten versteht man: Unordnung ist hier Prinzip. Mario Adorf hat sein Publikum nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Schriftsteller begeistert. Mit erlebten wie erfundenen Geschichten in einem unterhaltsam-erzählerischen Schreibstil, etwa in "Der römische Schneeball" (2000).</P><P>Der Drehtag endet in Handschellen</P><P>Eine Begebenheit aus dem neuen Buch: Mario Adorf als Massenmörder Bruno Lüdke in Siodmaks "Nachts, wenn der Teufel kam . . . " Das Ende eines langen Drehtags in Handschellen. Adorf muss zur Vorstellung in die Kammerspiele zurück, doch der befreiende Requisiteur ist verschwunden. Die Polizei, an die er sich Hilfe suchend wendet, missversteht die Situation . . . Oder eine weitere: In der Rolle des Don Camillo, als einziger Aus- unter Engländern, muss Adorf Pasta essen. "Im Namen des italienischen Volkes weigere ich mich, die Szene mit diesen angeblichen Spaghetti zu drehen." "Märiau, we are in England!", ist die Antwort. Und Adorfs Entgegnung? Wenn er in Italien einen Film drehen würde, wollte er auch keinen Satz wie "Die englische Königin ist eine Hure" sagen. Ein schlagendes Argument - doch Adorfs heile Haut können nur noch zwei BBC-Leute retten, die vermittelnd eingreifen.</P><P>Egal, wo in der Welt und auf welcher Station seiner Karriere sich Adorf befand, immer erlebte er Erstaunliches, wie er mit diesem Buch beweist. Sei es, dass er sich gemeinsam mit Hubert "Hubsi" von Meyerinck in der Claque von August Everding wiederfindet, die Aufführungen bejubeln darf, "weil er eines Tages in einer Generalprobe unsere auffälligen Lach- und Applaudierqualitäten bemerkt hatte". Oder dass er in Libyen wegen "Majestätsbeleidigung" _ er trat auf einen Geldschein - festgenommen wird. Oder dass er für Panfilows Gorki-Adaption "Die Mutter" über Nacht russisch lernt oder in Almeria aus Versehen am Galgen hängt.</P><P>Und auch Adorfs junge, seine Kriegsjahre also, amüsieren und erstaunen den Leser. Zum Beispiel das frühe Trauma vom zu kleinen Schuh oder wie Adorf zwei US-Offizieren hilft, indem er sie verpfeift. So wunderlich die Geschichten auch sind (und die Überschneidungen zwischen Filmrollen und Wirklichkeit darin): Adorf beteuert, alle seien "so wahr, wie es Erinnerungen überhaupt sein können". Als Gedächtnisstützen hat er einen Schatz aus Fotografien gehoben und diesen mit höchst unterhaltsamen Bildunterschriften versehen. Dass es zwischen Himmel und Erde "mehr Dinge gibt, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt", lernen wir von Mario Adorf. Und dass ein ungeordnetes Gefieder voller Überraschungen steckt.</P>Mario Adorf: "Himmel und Erde. Unordentliche Erinnerungen". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 256 Seiten, 18,90 Euro.

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