Versenkungen, aber keine Abgründe

Salzburg - "Wer so oft wie ich Puck in Gedanken durchgespielt hat, der kann sich das hier auch einmal erlauben." Der kleine Herr im schwarzen Zweireiher hat sich dem Publikum als Max Reinhardt vorgestellt, als Gründer und Übervater der Salzburger Festspiele und derjenige, der 1905 zum ersten Mal und dann immer wieder Shakespeares "Sommernachtstraum" exemplarisch inszenierte. Und nun betritt dieser Regiemagier Reinhardt erneut die Szene ­ in Gestalt einer Puppe.

Er entledigt sich seines schwarzen Anzuges und ist von jetzt an die nur mit einem Höschen bekleidete, drollige Gestalt des bös-charmanten Kobolds, des Elfenkönigs flinker Diener, der Spielmacher des Abends.

Und schon hat dieser Wiedergänger Reinhardts Parkett und Rang erneut für sich entflammt. Die Zuschauer folgen ihm auf der dreistündigen Reise wie verzaubert durch den Spukwald der Nacht, durchs Labyrinth der Gefühle der realen und irrealen Personen.

Doch bei Lichte betrachtet ist es soweit gar nicht her mit dem Zauber und der Besonderheit dieser Aufführung. Die Geschichte mit den Puppen ­ außer Puck ist noch die Elfendienerin Titanias so eine niedliche, blondbezopfte, kleinkindgroße Stoffigur ­ ist die originellste Idee des jungen Regisseurs Christian Weise. Und wenn Puck das Elflein fragt, ob er mal unters Röckchen schauen dürfe, wenn am Ende beide sogar Küsschen austauschen, dann ist das alles sehr putzig und herzallerliebst. Aber es ist eine Geschichte, die mit dem Stück nicht mehr viel zu tun hat.

Mit seiner Inszenierung von William Shakespeares "Sommernachtstraum" im Salzburger Landestheater ist die Premierenserie des Schauspiels der diesjährigen Festspiele abgeschlossen. Der Regisseur, der sich hier so kokett auf Max Reinhardt beruft, ihn sogar textlich zitiert, markiert mit dieser Arbeit womöglich den Beginn einer neuen Richtung: die Rückkehr zum undialektischen, kulinarischen Theater. Denn wenn Weise auch keinen Wald auf die Bühne stellt, "zaubert" er doch Stimmung: indem der schöne schwarze Tänzer Stephen Galloway als indischer Lustknabe Titanias für erotische Schwüle sorgt; indem in einer Endlosschleife seichte Wellness-Musik aus der Konserve tönt; oder indem der Regisseur einen riesigen Kronleuchter über die Bühne hängt. Das ist zwar als Metapher ziemlich abgedroschen, doch wenn der Lüster ab und an mit krachendem Knarzen bebt und sich bedrohlich senkt, dann ist das immerhin ganz wirkungsvoll. Überhaupt ist diese Inszenierung vornehmlich auf Wirkung aus. Mit seinen zumeist guten Schauspielern stellt sich Christian Weise "brav" dem Text. Und schafft so manche schöne Szenen.

Ein schneidiger Theseus empfängt zu Beginn seine eroberte Braut, die Amazone Hippolyta, die ­ nur mit schwarzem BH, schwarzem Slip und schwarzen Reitstiefeln bekleidet ­ etwas verhärmt herumsteht, ehe ihr ein schwarzer Jüngling ein fliederfarbenes Tüllgewand überstreift.

Nun ein gesetztes, elegantes Paar in mittleren Jahren, das in der Zaubernacht als Titania und Oberon in den Geschlechterkrieg zieht. Wobei Oberon hier als lächerlicher, halbnackter Kauz mit Flügelchen am Rücken und einem Riesengeweih im Arm zweifelsfrei den Unterlegenen gibt. Da gibt es ein paar wunderbare Facetten im ahnungsvollen Spiel der Corinna Kirchhoff voller erotischer Coolness und der selbstironischen Darstellung durch Robert Hunger-Bühler. Neben so viel schauspielerischer Kompetenz bleiben die jungen Paare, hier als uniformierte Collegeschüler ausgestattet, fast zwangsläufig blass. Nichts von der Tragik, nichts von der Verrücktheit und Komik ihrer Liebesnot.

Da sind die Handwerker schon aus anderem Holz geschnitzt. Mit Ecken und Kanten, hinreißend skurril. Jeder für sich ein sehr eigener Charakter von wundersamer, stiller, trauerverhangener Komik.

Ihr Mittelpunkt ist Michael Maertens, der den zum Esel und wieder retour verwandelten Zettel als den Intellektuellen, den überlegenen Star der Truppe spielt. Maertens dreht nie voll auf. Nicht einmal, wenn Puck ihn in einen von oben bis unten behaarten Esel verwandelt; wenn er ihm die Eselsohren, die gewaltigen Zähne, die grauen Vorderhufe und den langen Schwanz reicht. Maertens verkneift sich, den großen Komiker herauszukehren. Vielmehr spielt er die erschrockene Kreatur, tierisch ernst, rülpsend, schnaubend, sabbernd, spuckend; nicht einmal sein kurzes Liebesglück mit Titania genießend. Denn ganz legt dieser Zettel sein Zettel-Dasein nie ab. Immer trägt er am Handgelenk sein kleines Herrentäschchen. Selbst wenn er später vor Herzog Theseus den tragischen Pyramus wie ein grandioser Striese ungebremst in den Saal donnert.

So reiht sich ein gelungener Moment an den anderen. Aber es bleiben eben immer nur Momente. Nie fügen sie sich zum Ganzen. Denn es mangelt der Inszenierung am zwingenden, übergeordneten Zugriff. Zwar verschwindet der eine oder andere hin und wieder in der Versenkung: Dieser Aufführung fehlt dennoch das Abgründige. Sie ist einfach nur harmlos.

Wenn man sich schon selbst mit Reinhardt dem Großen vergleicht: Unter diesem Aspekt waren die Premierenbuhs für den Regisseur durchaus berechtigt.

Nächste Vorstellungen:

20.-22.8., 24.-28.8. und 30.8. Karten: 0043/ 662/ 8045-500.

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